Schreiben mit KI: Warum ich sie nutze und deshalb trotzdem kein KI-Autor bin
Wer heute als Autor zugibt, Künstliche Intelligenz zu verwenden, sollte sich warm anziehen. Da ist schnell von seelenloser Massenware die Rede, vom Ende der Kreativität oder gleich vom Untergang der Literatur. Man könnte beinahe versucht sein zu glauben, dass schon eine einzige Prompt in ChatGPT ausreiche, um einen Schriftsteller zum Hochstapler zu erklären. Gerade aufgrund dieser ganzen Vorurteile ist es mir wichtig, transparent mit dem Thema umzugehen. Denn in dieser inzwischen ideologisch ausartenden Diskussion wird gerne etwas Grundlegendes übersehen: Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich einen Roman von einer KI schreiben lasse oder sie als Werkzeug benutze, um meine eigene Arbeit zu unterstützen. Ich schreibe seit 2017 Romane und habe schon einige technische Entwicklungen erlebt, die mir das Autorenleben erleichtert haben. Genau wie der Einsatz einer professionellen Autorensoftware wie beispielsweise Papyrus, gehört inzwischen auch die Nutzung Künstlicher Intelligenz dazu. Ich sehe darin weder einen Ersatz für meine Kreativität noch eine Bedrohung für meine Arbeit. Vielmehr ist sie ein ausgesprochen vielseitiges Werkzeug, dessen Möglichkeiten ich nicht mehr missen möchte. Allerdings sollte man wissen, wie man verantwortungsvoll damit umgeht.
Ein Roman entsteht nicht auf Knopfdruck
Natürlich könnte ich eine KI damit beauftragen, einen kompletten Kriminalroman zu verfassen. Ich müsste ihr nur ein Genre, ein paar Figuren und eine grobe Handlung vorgeben. Innerhalb kürzester Zeit würde sie vermutlich etwas produzieren, das zumindest oberflächlich wie ein Roman aussieht. Dann wäre ich das, was man gemeinhin unter einem „KI-Autor“ versteht. Aber wäre das Ergebnis auch ein guter Roman? Das hängt davon ab, welchen Maßstab man anlegt. Sprachmodelle können inzwischen durchaus unterhaltsame Geschichten produzieren. Was ihnen allerdings häufig fehlt, ist eine durchgehend überzeugende erzählerische Handschrift. Figuren bleiben austauschbar, Dialoge klingen künstlich, Konflikte werden allzu bequem aufgelöst. Und nicht selten verliert sich der Text in wohlklingenden Formulierungen, die sich bei genauerem Hinsehen als erstaunlich gehaltlos offenbaren. Alles klingt irgendwie seltsam schematisch und glattpoliert. Auch die Konsistenz über einen mehrere hundert Seiten starken Roman hinweg können selbst die aktuellen Top-Sprachmodelle noch immer nicht zuverlässig gewährleisten. Das könnte vielleicht ein Grund sein, warum bei Büchern, die im Verdacht stehen KI-Ware zu sein, häufig von gravierenden Inkonsistenzen die Rede ist.
Besonders interessant wird es, wenn ich die KI auffordere, meinen eigenen Schreibstil nachzuahmen. Die Ergebnisse sind in der Regel mehr unfreiwillig komisch als verblüffend. Das Modell erkennt bestimmte Muster und sprachliche Eigenheiten, übertreibt diese jedoch gerne. Heraus kommt dann ein Text, der irgendwie nach mir klingt, aber eben doch nicht von mir stammen könnte. Noch eine Stufe schwerer macht man es dem Computergehirn, wenn Mundart und lokaler Humor ins Spiel kommen. Dort liegt für mich die Grenze. Ich möchte meine eigenen Geschichten erzählen. Mit meinen Figuren, meinen Vorstellungen und meiner Sprache. Dazu gehören auch stilistische Eigenheiten, die vielleicht nicht jedem gefallen. Ein Roman muss schließlich keine sprachlich normierte Hochglanzware sein.
Wo mir KI tatsächlich hilft
Wer selbst längere Manuskripte verfasst, kennt das Problem: Irgendwann wird man betriebsblind. Man liest dieselbe Passage zum zehnten Mal, übersieht offensichtliche Fehler und fragt sich, ob eine bestimmte Szene tatsächlich funktioniert. Hier kann Künstliche Intelligenz ausgesprochen hilfreich sein.
Beim Korrektorat lassen sich Rechtschreibfehler, übersehene Kommata und sprachliche Unebenheiten aufspüren. Auch unnötige Wortwiederholungen oder sperrige Satzkonstruktionen werden meist zuverlässig erkannt. Das spart viel Zeit, ersetzt aber keineswegs die eigene Endkontrolle. Denn mitunter verschlimmbessert die KI einen Satz, den man besser unangetastet gelassen hätte.
Bei der Recherche nutze ich KI ebenfalls gerne. Meine Kriminalromane führen mich an reale Schauplätze und beschäftigen sich mit historischen Ereignissen, technischen Zusammenhängen und den Eigenheiten verschiedener Länder. Eine KI kann hier wertvolle Anhaltspunkte liefern, Zusammenhänge erklären und die Suche nach weiterführenden Informationen erleichtern. Allerdings darf man ihr nicht blind vertrauen. Eine besonders unangenehme Eigenschaft dieser Systeme ist nämlich ihre Fähigkeit, erfundene Fakten mit bemerkenswerter Überzeugung vorzutragen. Wer solche Informationen ungeprüft übernimmt, handelt fahrlässig und läuft am Ende Gefahr, tatsächlich als KI-Autor abgestempelt zu werden.
Auch bei der Entwicklung einer Handlung kann ein sprachliches Gegenüber nützlich sein. Manchmal geht es gar nicht darum, neue Ideen zu bekommen. Viel interessanter ist die Frage, ob eine bereits vorhandene Idee funktioniert. Ist das Verhalten einer Figur nachvollziehbar? Hat die Handlung einen logischen Bruch? Gibt es eine elegantere Möglichkeit, zwei Handlungsstränge zusammenzuführen? Solche Fragen lassen sich mit einer KI diskutieren. Sie kann Einwände formulieren, alternative Perspektiven aufzeigen oder auf Schwächen aufmerksam machen, die man selbst nicht bemerkt hat. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich ihre Vorschläge übernehmen muss. Nicht selten verwerfe ich sie vollständig und komme später selbst auf die Lösung. Dennoch war die Auseinandersetzung damit hilfreich.
Überwiegend unterstützt mich die KI allerdings bei eher unspektakulären Aufgaben: Inhaltsangaben erstellen, Klappentexte kürzen, Exposés strukturieren oder Informationen für die Buchveröffentlichung zusammenstellen. Auch in der Kontrolle des fertigen Drucksatzes ist die KI Gold wert. Passt der Seitenspiegel, gibt es unschöne Trennungen oder alleinstehende Absätze, die man zusammenfassen sollte? Dinge also, die notwendig sind, aber nur bedingt mit dem eigentlichen Schreiben zu tun haben. Und je weniger Zeit ich damit verbringen muss, desto mehr bleibt für meine Geschichten.
Die Gefahr von sprachlichem Einheitsbrei
So nützlich KI beim Überarbeiten sein kann, so problematisch wäre es, würde man ihr die vollständige sprachliche Kontrolle überlassen. Sprachmodelle neigen dazu, Texte in eine bestimmte Richtung zu glätten. Aus ungewöhnlichen Formulierungen werden gebräuchliche Wendungen und aus kantigen Dialogen wohltemperierte Gespräche. Mitunter verschwinden dabei genau jene Eigenheiten und Nuancen, die einen Text interessant machen. Meine Romane leben dagegen von sehr unterschiedlichen Figuren. Ein bayerischer Kriminalbeamter spricht nun einmal anders als sein norddeutscher Vorgesetzter. Und ein abgebrühter Ermittler muss nicht jede Aussage in höfliche, ausgewogene Worte kleiden. Eine KI, die solche Unterschiede beseitigt, verbessert den Text nicht. Sie nimmt ihm seine Persönlichkeit. Deshalb betrachte ich ihre Vorschläge grundsätzlich als das, was sie sind: Vorschläge. Nicht mehr und nicht weniger.
Wer KI verwendet, ist deshalb noch lange kein KI-Autor
In der Literaturbranche scheint sich zunehmend eine merkwürdige Vorstellung durchzusetzen: Wer KI verwendet, steht unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck. Dabei war das Schreiben schon immer auch eine Frage der verfügbaren Werkzeuge. Niemand käme heute ernsthaft auf die Idee, einem Schriftsteller seine Leistung abzusprechen, weil er eine Rechtschreibprüfung benutzt, in einem digitalen Wörterbuch nachschlägt oder sein Manuskript mit einer speziellen Autorensoftware organisiert. Natürlich gehen die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz weit über diese Hilfsmittel hinaus. Sie kann nicht nur Fehler erkennen, sondern selbst formulieren, interpretieren und ganze Handlungsentwürfe liefern. Genau deshalb ist die Differenzierung umso wichtiger.
Ein Autor, der einen vollständig generierten Roman praktisch unverändert veröffentlicht, arbeitet anders als jemand, der ein selbst geschriebenes Manuskript mithilfe einer KI auf Fehler überprüft. Beides pauschal in einen Topf zu werfen, halte ich für ziemlich unfair. Ebenso wenig überzeugt mich die Vorstellung, dass ein ohne KI entstandener Roman automatisch hochwertiger sein müsse. Schlechte Bücher gab es schon lange vor ChatGPT & Co. Und wer glaubt, jede sprachliche Schwäche sei ein Beweis für menschliche Authentizität, verwechselt Handwerk mit Herkunft. Für mich zählt letztlich das Ergebnis. Eine gute Geschichte muss mich fesseln, ihre Figuren müssen glaubwürdig sein und die Handlung muss funktionieren. Wie der Autor seinen Arbeitsprozess organisiert, ist zunächst einmal seine Sache.
Der neue Generalverdacht: KI-Bild = KI-Roman?
Besonders skurrile Auswüchse nimmt die Diskussion inzwischen auf Plattformen wie Instagram an. Unter Buchwerbungen, die erkennbar KI-generierte Bilder enthalten, sammeln sich regelmäßig Kommentare, in denen das beworbene Werk kurzerhand als „AI Slop“, also KI-Schrott, abgestempelt wird. Ob der Autor sein Buch selbst geschrieben hat, scheint dabei kaum noch jemanden zu interessieren. Ein künstlich erzeugtes Werbemotiv genügt offenbar, um gleich die gesamte schriftstellerische Leistung infrage zu stellen und den Veröffentlichenden als KI-Autor zu brandmarken.
Abgesehen davon, dass die meisten dieser Kommentatoren nicht unbedingt wie gebildete Literaturexperten wirken, sollte man eigentlich erwarten können, dass Menschen zwischen einem Werbebild, einem Buchcover und dem eigentlichen literarischen Werk unterscheiden können. Selbstverständlich existieren inzwischen massenhaft KI-generierte Bücher, die mit minimalem Aufwand produziert und auf den Markt geworfen werden. Dass diese Entwicklung Lesern und Autoren sauer aufstößt, ist durchaus nachvollziehbar. Für weniger nachvollziehbar halte ich jedoch die Vorstellung, dass ein Roman automatisch minderwertig sein müsse, sobald bei seiner Vermarktung Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt.
Die Qualität eines Buches lässt sich nun einmal nicht anhand seiner Werbegrafik beurteilen. Dazu müsste man es tatsächlich lesen. Aber das wäre vermutlich mit mehr Aufwand verbunden, als einen abfälligen Kommentar auf Instagram zu hinterlassen. Besonders grotesk wirkt es, wenn die selbst ernannten Hüter menschlicher Kreativität ihre Empörung ausgerechnet mit KI-generierten Spott-GIFs illustrieren. Offenbar ist Künstliche Intelligenz durchaus akzeptabel, solange man sie dazu benutzt, sich über andere lustig zu machen. Für ein Werbebild hingegen gilt sie als untrüglicher Beweis literarischer Minderwertigkeit.
Mit ernsthafter Literaturkritik hat das wenig zu tun. Wer ein Buch nicht gelesen hat, kann dessen Inhalt und sprachliche Qualität kaum beurteilen. Dafür müsste man sich schließlich mit dem Werk beschäftigen, statt lediglich dessen Werbung zu kommentieren.
So entsteht der Eindruck, dass es manchen weniger um die Qualität von Literatur geht als um die Gelegenheit, sich öffentlich über andere zu erheben.
Mein Fazit: Die Verantwortung bleibt beim Autor
Laut einer Umfrage von BoD nutzt inzwischen jeder zweite Autor KI. Auch ich werde in Zukunft Künstliche Intelligenz bei meinen Projekten einsetzen. Nicht, weil ich meine Arbeit an eine Maschine abgeben möchte, sondern weil sie mir bestimmte Aufgaben erleichtert und ich mir sonst langfristig einen Wettbewerbsnachteil auferlegen würde. Die Ideen für meine Romane entstehen weiterhin in meinem Kopf und daran wird sich nichts ändern. Ich entwickle meine Figuren, schreibe ihre Dialoge und entscheide, welchen Verlauf eine Geschichte nimmt. Wenn mir eine KI dabei hilft, einen Fehler zu finden oder einen Gedankengang zu diskutieren, sehe ich darin keinen Widerspruch. Entscheidend ist, dass ich die vollständige Kontrolle über meinen Text behalte.
Ja, Künstliche Intelligenz wird die Literatur verändern. Sie wird den Markt mit zusätzlichen Büchern überschwemmen, manches vereinfachen und vermutlich auch einige bisherige Arbeitsweisen überflüssig machen. Das lässt sich weder verhindern noch dadurch aufhalten, dass man die Technologie grundsätzlich ablehnt. Wer sie sinnvoll einsetzt, kann davon profitieren. Wer sich vollständig auf sie verlässt, läuft dagegen Gefahr, seine eigene Stimme zu verlieren. Ich möchte weder gegen die Maschine anschreiben noch sie für mich schreiben lassen. Ich möchte sie dort einsetzen, wo sie mir nützt.
Und wenn dadurch am Ende ein besserer Roman entsteht, habe ich als Autor alles richtig gemacht.
