Eberhofer-Abklatsch aus der Leberkas-Retorte

Wie mutmaßliche KI-Content-Farmen den Regionalkrimi verwursten

Es gibt Momente, da frage ich mich als Autor, ob ich eigentlich noch ganz rund laufe. Ich überarbeite ein Manuskript zum fünften Mal, prüfe Namen, Zeitachsen, Figurenlogik, Dialoge, Anschlussfehler und gebe das Manuskript an Testleser heraus. Ich feile tagelang an einem Cover, zweifle am Klappentext, frage mich permanent, ob das Buch wirklich gut genug für den Markt ist.

Und dann stolpere ich auf Amazon zufällig über eine Bayernkrimi-Serie, die innerhalb weniger Monate sieben Bände ausspuckt, mit generischen Covern, Pseudonym ohne greifbare Autorenpräsenz, austauschbaren Dreiwort-Titeln und Rezensionen, in denen Leser und Leserinnen über Widersprüche, fehlenden Humor, Rechtschreibfehler und Kontinuitätsprobleme klagen. Trotzdem: hunderte von Bewertungen und Rankings, von denen ich nur träumen kann. Und das bei eBook-Preisen von 5,99 € bis 6,99 € für etwa 200 Seiten.

Willkommen beim Eberhofer-Abklatsch aus der Leberkas-Retorte.

Eberhofer-Abklatsch: Essen, Mord, Provinz, Humorversprechen

Die dahinterliegende Formel ist nicht schwer zu identifizieren. Ein bayerischer Ort, eine schrullige Hauptfigur, ein Mordfall. Gewürzt wird das Ganze mit ein bisschen Dialekt, ein wenig Dorftratsch und deftiger Hausmannskost im Titel. Dazu ein Untertitel wie „Ein Bayern-Krimi mit Humor aus der Provinz“. Fertig ist das Verkaufsversprechen in Form eines bayerischen Abziehbilds.

Bei der Reihe um Kathi Brandner von „Vroni Kirchner“ heißen die Bände etwa:

  • Brezn, Blut und Hosenträger
  • Hopfen, Malz und Hinterlist
  • Krapfen, Kamera und Killercode
  • Bärlauch, Beichte und Beerdigung
  • Honig, Habgier und Halunken

Bei den Ammersee-Krimis von „Leo Brandl“ sieht es nicht wesentlich anders aus:

  • Die Obazda-Intrige
  • Das Pressack-Paradox
  • Weißwurst, Wut und Wellnessträume
  • Leberkäs, Lügen und Lavendel
  • Spargel, Schulden und Schwarzgeld
  • Glamping, Gier und Grillhendl

Natürlich ist Essen im Titel noch kein Beweis für KI. Rita Falk hat mit den Eberhofer-Krimis genau diese Verbindung aus Bayern, Essen, Dorf, Mord und schwarzem Humor populär gemacht, lange bevor sich KI in der breiten Masse etablierte. Regionalkrimis leben von Sichtbarkeit durch Wiedererkennungswert. Ein gewisser Formelfaktor gehört einfach zum Genre. Aber hier wirkt es nicht wie eine gewachsene Stimme innerhalb eines Genres. Es wirkt wie Reverse Engineering eines Bestseller-Signals: Was verkauft sich? Bayern, Essen, Mord, Humor, Provinz, Serie. Also wird genau das nachgebaut. Nicht als literarische Welt, sondern als Produktmatrix.

Wenn zwei Serien wie aus derselben Maschine wirken

Auffällig wird es, wenn nicht nur ein einzelnes Buch generisch wirkt, sondern gleich mehrere Serien nach demselben Schema gebaut erscheinen.

Bei beiden genannten Beispielserien finden sich die gleichen Signale:

  • jeweils sieben Bände innerhalb weniger Monate,
  • generische Pseudonyme ohne erkennbare Autorenmarke,
  • ähnliche Coveranmutung,
  • ähnliche Titelmechanik,
  • ähnliches Untertitelversprechen,
  • ähnliche Klappentextstruktur,
  • ähnliche Preise,
  • ähnliche Genre-Schlagworte.

Besonders bemerkenswert ist die sprachliche Nähe der Klappentexte. Da steht dann sinngemäß:

„Der erste Fall für … — warmherzig, hintergründig, bayerisch.“

Und kurz darauf:

„Eigentlich hätt sich die … grad genug zu tun …“

Das ist kein normales „Genre ist eben Genre“ mehr. Das ist auffällig schablonenhaft. So klingt kein innerlich gewachsenes Erzählprojekt, sondern das Template eines Trittbrettfahrers.

Der künstliche Dialekt

Ein weiteres Indiz ist die Mundart. Während ich diese in meinen Krimis sogar bewusst entschärft habe, um die Geschichten einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen, wird sie hier offenbar bewusst simuliert. Also keine echte bairische Sprache und keine gewachsene, regionale Färbung. Sondern ein Pseudo-Dialekt, der gerade so viel Lokalkolorit vortäuscht, dass der Amazon-Käufer das Signal versteht: „Aha, Bayern.“

Da wird aus „hatte“ ein „hätt“, aus „gerade“ ein „grad“, vor Namen wird ein Artikel gesetzt, und zwischendurch taucht ein „a“ oder „bisserl“ auf. Der Rest bleibt weitgehend standarddeutsch.

Das Ergebnis klingt nicht wie jemand, der die Region kennt. Es klingt wie jemand, der einem Sprachmodell gesagt hat: „Mach den Text irgendwie bayerisch, aber verständlich.“ Das ist die Folklore-Version von Dialekt, ein sprachlicher Bierfilz ohne Seele. Fun Fact: ChatGPT streut in die bairische Mundart gerne mal typisch österreichische Ausdrücke ein. Jemandem, der in diesem Sprachraum aufgewachsen ist, sticht das natürlich sofort ins Auge.

Humor als leeres Etikett

Ebenfalls interessant sind die Rezensionen, denn diese erzählen ihre ganz eigene Geschichte. So bemängeln beispielsweise einige Leserinnen und Leser, dass der angekündigte Humor kaum oder gar nicht vorhanden sei. Das ist ein entscheidender Punkt. Denn „Krimi mit Humor“ ist kein nebensächliches Detail. Es ist das zentrale Verkaufsversprechen. Wer einen humorigen Provinzkrimi mit bayerischem Setting kauft, erwartet nicht nur einen Mordfall. Er erwartet entsprechenden Tonfall, Figurenwitz, Timing, soziale Beobachtung, schrullige Situationen und Dialoge mit Reibung.

KI kann vieles imitieren. Sie kann witzig aussehende Wörter erzeugen. Sie kann eine grantelnde Vaterfigur einbauen. Sie kann eine Bäckerin, einen Kommissar, einen Stammtisch und eine tratschende Nachbarin zusammenwürfeln. Aber bayerischer Humor ist eben mehr als eine Requisitensammlung mit blau-weißem Aufdruck. Er ist nicht planbar, sondern entsteht aus Timing, Figurenkenntnis, Erwartungsbruch, sozialem Gespür oder aus dem, was nicht gesagt wird. Aus einem Blick, einer knappen Bemerkung, einer peinlichen Stille oder einem Klischee, das gerade überhöht wird. Es ist eine Dynamik, die man als Autor selbst oft erst im Schreiben fühlt und umsetzt.

Eine KI kann den Umriss davon erzeugen. Sie kann einen „lustig gemeinten“ Text schreiben. Aber sie kann nur schwer eine humoristische Stimme über 200 Seiten tragen. Und genau daran scheinen solche Werke zu kranken: Sie tragen ein witziges Etikett, liefern aber oft nur Humor als Pappaufsteller mit Lederhose und garnierter Breze.

Eberhofer-Abklatsch

Regionalkrimi aus der Retorte: mehr als eine kurze Prompt hat es nicht gebraucht, damit mir ChatGPT dieses Cover erstellt. Auf Amazon wäre es vermutlich ein Verkaufsschlager.

Wenn der Krimi seine Zeitachse verliert

Noch schwerer wiegen jedoch die handwerklichen Probleme, die einige der Rezensenten offenkundig bemängeln. Da ist nicht nur von Widersprüchen die Rede, sondern auch von Figurenbeziehungen, die nicht nachvollziehbar seien. Von Rechtschreib- und Grammatikfehlern oder fehlender Schlusskorrektur. Und von Handlungselementen, die sich gegenseitig widersprechen. Ein Rezensent beschreibt sinngemäß, dass eine Figur angeblich nach langer Zeit erstmals wieder den kranken Vater besucht — und später im selben Buch noch einmal ein angeblich erster Besuch stattfindet.

Ein anderer Punkt betrifft zum Beispiel einen Alibi-Widerspruch: Jemand lebt in England, kommt nachweislich erst nach dem Mord per Flugzeug zurück und hat plötzlich trotzdem kein Alibi für die Tatzeit. Aus meiner Sicht wäre das ein schwerer logischer Mangel, der spätestens bei der Überarbeitung des Textes auffallen müsste. An wieder anderer Stelle wird bemängelt, dass Figuren sich zunächst duzen und später überrascht sind, sich mit Vornamen anzureden. Ein besonders absurdes Beispiel: Ein Anruf soll vor einem Fest über einen Mord informieren, der erst nach diesem Fest geschieht.

Das sind keine kleinen Tippfehler, sondern strukturelle Brüche. In einem Krimi bilden Zeitachsen, Alibis, Beziehungen und Motivlagen das tragende Gerüst. Wenn genau dort Fehler auftreten, ist das kein Kavaliersdelikt mehr. Dann ist der Text nicht sauber kontrolliert. Noch fataler ist, wenn sich so etwas durch die gesamte Serie zieht. Ob diese Fehler durch KI, hektisches Schreiben, schlechte Überarbeitung, fehlendes Lektorat oder chaotisches Zusammenkopieren entstanden sind, lässt sich von außen natürlich nicht beweisen. Aber das Ergebnis zeigt eines deutlich: Hier wurde offenbar nicht mit der Sorgfalt gearbeitet, die ein seriöser Krimi benötigt.

„Wenn Leser fragen, ob plötzlich jemand anders geschrieben hat“

Das ist eines der stärksten Symptome überhaupt. Nicht als Beweis, aber als weiteres Warnsignal. Bei einer gewachsenen Autorenstimme kann ein Band schwächer sein, klar. Aber wenn Leser nach 20 Seiten abbrechen und sich fragen, ob die Autorin ausgetauscht wurde, dann ist das ein Hinweis darauf, dass hier keine stabile erzählerische Identität vorliegt, sondern möglicherweise ein Produktionsprozess, der von Band zu Band anders zusammengerührt wird. Und das passt wieder zur Retortenmetapher: Mal mehr Dialektpulver, mal mehr Pathos, mal mehr Satzfragment-Gelee. Nur keine gewachsene Stimme.

Der Preis als Vertrauenssignal

Besonders dreist wirkt das in Kombination mit dem Preis. Ein eBook für 6,99 € ist kein symbolischer Schnupperpreis. Das ist ein selbstbewusster Vollpreis im Selfpublishing-Bereich. Bei rund 200 Seiten und durchwachsenen Rezensionen wirkt dieser Preis wie ein klares Signal: Das hier ist ein vollwertiges Buch, das mindestens auf solidem Handwerk beruht. Der Käufer sieht den Preis, die vielen Bewertungen, die Reihenstruktur, das Cover, den Untertitel — und denkt: Wird schon passen. Genau das ist das Perfide. Der Preis wird selbst zum Vertrauenssignal. Ein 0,99-€-Buch, sowie ich aktuell meinen Serieneinstieg vermarkte, betrachtet man mit Vorsicht. Ein 6,99-€-Buch mit hunderten Bewertungen wirkt dagegen wie etablierte Ware. Ein ähnliches Prinzip nutzt der Spiegel-Bestseller-Aufkleber.

Dabei kann gerade der hohe Preis Teil der Abschöpfungslogik sein: Lieber wenige Käufer teuer monetarisieren, solange die Verpackung funktioniert, als langfristig Vertrauen aufbauen. Das wirkt weniger wie klassische Autorenschaft als wie Plattformökonomie. Selbst bei einer sehr vorsichtigen Annahme von zehn Käufern pro sichtbarem Rating könnten die beiden Serien zusammen bereits im Bereich von mehreren zehntausend Euro Tantiemen liegen. Bei realistischeren Bewertungsquoten von zwei bis fünf Prozent landet man schnell im sechsstelligen Bereich. Natürlich sind das nur Szenarien. Amazon veröffentlicht keine Verkaufszahlen; Rückgaben, Werbung, Preisaktionen, Kindle Unlimited und Printverkäufe sind darin nicht sauber abbildbar. Aber zumindest gibt das einen erschreckend guten Hinweis auf ein mögliches Motiv: Es geht nicht darum, sich eine nachhaltige Leserschaft aufzubauen, sondern möglichst viel Geld abzugreifen, bevor die Welle verebbt.

Die Content-Farm-Logik

Das Modell kennt man bereits von klassischen Content-Farmen, gegen die Unternehmen wie beispielsweise YouTube inzwischen massiv vorgehen. Selbst Google rankt offensichtlich KI-generierte Artikel inzwischen schlechter oder indexiert sie erst gar nicht. Früher waren es diese massenhaft ausgespuckten Ratgeberartikel: „Die zehn besten Hausmittel gegen Schnecken“, „So sparen Sie Heizkosten“, „Was tun bei Rückenschmerzen?“

Heute können es eben Romane sein. Die Mechanik bleibt dieselbe. Eine lukrative Nische finden, erfolgreiche Muster analysieren, wiedererkennbare Verpackung bauen und Inhalte schnell erzeugen. Dann möglichst viele Varianten veröffentlichen, Algorithmus, Bewertungen und Reihenlogik nutzen und solange monetarisieren, bis die Qualitätssignale kippen. Beim Regionalkrimi sieht das dann so aus: Bayern + Essen + Mord + Dorf + Humor + Pseudonym + sieben Bände + Amazon-Serie.

Das ist kein Buch mehr im klassischen Sinn. Es ist ein algorithmisches Konsumprodukt, das aussieht wie ein Buch.

Was daran für Leser problematisch ist

Man kann natürlich sagen: Wenn es sich verkauft, gibt es offenbar Leser dafür. Das stimmt natürlich. Aber die Frage ist, ob Leser wirklich wissen, was sie kaufen. Die meisten Käufer prüfen nicht, ob ein Autorenprofil existiert. Sie analysieren keine Veröffentlichungsfrequenz. Sie vergleichen keine Klappentextschablonen. Sie fragen nicht, ob sieben Bände in wenigen Monaten realistisch sind. Sie sehen ein Genreversprechen und haben eine Erwartungshaltung: Bayernkrimi, Humor, Serie, originelle Titel, viele Bewertungen. Amazon empfiehlt es. Also kaufen sie. Dabei ist es Amazon völlig egal, was da verkauft wird, solange technische Mindeststandards und ethische Richtlinien eingehalten werden.

Das Problem ist nicht, dass jemand leichte Unterhaltung anbietet. Daran ist nichts verwerflich. Das Problem beginnt dort, wo eine Oberfläche professioneller Autorenarbeit suggeriert wird, während dahinter möglicherweise ein weitgehend automatisiertes Schnellverwertungsmodell steht. Der Leser bezahlt nicht nur für Text. Er bezahlt für ein unausgesprochenes Versprechen: Da hat jemand eine Geschichte gebaut, Figuren entwickelt, überarbeitet, geprüft und Verantwortung übernommen. Wenn dann Namen, Beziehungen, Zeitachsen, Tonfall und Humor wackeln, ist das kein harmloser Schönheitsfehler. Es ist ein gebrochenes Vertrauensversprechen.

Kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Problems

Das Phänomen ist nicht auf zwei merkwürdige Bayernkrimi-Serien beschränkt. Seit dem Aufkommen leistungsfähiger KI-Textgeneratoren wird auch international darüber berichtet, dass Amazon und andere Plattformen zunehmend mit KI-generierten oder KI-gestützten Büchern geflutet werden. Besonders auffällig ist das bei Ratgebern, Zusammenfassungen, Nachahmungen erfolgreicher Sachbücher und scheinbar schnell produzierten Selfpublishing-Titeln. Teilweise ist von „AI slop“, „sham books“ oder schlicht von Pseudo-Büchern die Rede: Werke, die aussehen wie normale Bücher, aber eher das Ergebnis eines skalierbaren Content-Modells sind. Amazon hat auf diese Entwicklung bereits reagiert und verlangt von KDP-Autoren inzwischen Angaben zu KI-generierten Inhalten. Für Käufer ist diese Information auf der Produktseite jedoch nicht transparent sichtbar. Genau hier liegt das Problem: Die Plattform kennt den Unterschied möglicherweise, der Leser aber nicht. Die beiden hier betrachteten Regionalkrimi-Serien wirken deshalb wie eine deutsche, genretypisch eingefärbte Variante eines längst bekannten Musters: KI-gestützte Schnellproduktion, verpackt als menschliche Autorenarbeit.

Neu ist also nicht die KI-Bücherflut an sich. Neu — oder zumindest besonders auffällig — ist, wie präzise sich dieses Modell inzwischen auch an deutsche Genrenischen anpasst. Aus generischen englischen Ratgebern werden dann eben keine „30-Day Detox Guides“ mehr, sondern „Obazda-Intrige“, „Leberkäs, Lügen und Lavendel“ oder „Brezn, Blut und Hosenträger“. Die Mechanik bleibt dieselbe. Nur das Aroma wechselt: statt Business-Ratgeber nun bayerischer Provinzkrimi.

Die KI von 2026 ist nicht mehr die KI von 2023

Man darf bei diesem Thema nicht den Fehler machen, an die ersten ChatGPT-Texte von 2023 zu denken. Damals war vieles noch leichter zu erkennen. GPT-3.5 konnte zwar schon erstaunlich brauchbare Absätze, Klappentexte oder kurze Artikel erzeugen, geriet bei längeren Texten aber schnell ins Schleudern. Figuren wurden vergessen, Namen wechselten, Zeitachsen brachen auseinander, Dialoge klangen hölzern, und nach einigen Seiten machte sich eine merkwürdige inhaltliche Watte breit.

Seitdem hat sich die Leistungsfähigkeit von KI-Textgeneratoren massiv verbessert. Was früher nach ein paar Absätzen auseinanderfiel, lässt sich heute viel stabiler planen, ausarbeiten und überarbeiten. Ein moderner KI-Workflow kann nicht nur einen Klappentext liefern, sondern auch Reihenideen, Figurenprofile, Kapitelgliederungen, Szenenentwürfe, Werbetexte, Cover-Prompts und Social-Media-Material. Mit genügend menschlicher Nachbearbeitung entsteht daraus nicht zwingend gute Literatur, aber sehr wohl ein verkaufbares Buchprodukt.

Genau darin liegt die neue Dimension. Die Frage lautet nicht mehr: „Kann KI überhaupt einen Roman schreiben?“ Die praktischere Frage lautet: „Kann KI genug verwertbare Textmasse erzeugen, damit jemand daraus mit minimalem Aufwand eine scheinbar professionelle Serie baut?“ Und die Antwort darauf dürfte inzwischen lauten: ja.

Das macht solche Retortenserien gefährlicher als die frühen KI-Experimente. Sie müssen nicht perfekt sein. Sie müssen nur professionell genug aussehen, schnell genug erscheinen und das Genreversprechen überzeugend genug imitieren, damit der Amazon-Algorithmus anspringt und Leser zugreifen. Die eigentliche Qualitätsprüfung findet dann erst nach dem Kauf statt.

Warum die Entwicklung für Autoren toxisch ist

Für echte Autoren ist diese Entwicklung zermürbend. Nicht, weil andere mehr verkaufen. Erfolg anderer Autoren ist nicht das Problem. Ob nun Rita Falk oder weniger bekannte Schreiber: ich persönlich gönne jedem seinen Erfolg. Da ich meinen eigenen Weg gehe, muss ich auch niemanden kopieren, der erfolgreicher ist. Ich distanziere mich sogar bewusst von Eberhofer, Kluftinger & Co., da meine Nische mehr das Alpen-Noir mit Mystery-Elementen und hartem Ermittlungsrealismus ist. Mein Problem ist mehr, dass der ohnehin hart umkämpfte und überfrachtete Markt jetzt noch zusätzlich mit Buchsimulationen geflutet wird. Wer ernsthaft schreibt, überarbeitet, zweifelt und Verantwortung für seine Texte übernimmt, konkurriert plötzlich mit Produktionssystemen, die seine Maßstäbe gar nicht teilen. Wer unter austauschbaren Pseudonymen schreibt, hat keinen Namen zu verlieren.

Der Autor hingegen fragt sich:

„Ist die Figur glaubwürdig?“
„Stimmt die Zeitachse?“
„Sind die Übergänge plausibel?“
„Ist der Dialog lebendig?“
„Verrät die Auflösung zu viel oder zu wenig?“
„Ist der Text literarisch stark genug?“

Die Content-Farm fragt:

„Welches Keyword?“
„Welcher Titel?“
„Welches Covertemplate?“
„Welche Nische?“
„Ab dem wievielten Band kippt die Kosten-Nutzen-Rechnung?“

Das ist ein anderes Spiel. Ein Spiel, das Plattformen wie Amazon kurzfristig belohnen können. Nicht, weil die Bücher besser sind, sondern weil sie klickbarer, eindeutiger, serieller und aggressiver positioniert sind.

KI ist nicht das eigentliche Problem

Nein, KI ist nicht der Feind. Man kann sie als Werkzeug nutzen. Für Recherche, Struktur, Gegenlesen, Klappentextvarianten und Ideensortierung. Beim Veröffentlichen für technische Hilfen. Das tue ich auch. Schön blöd wäre ich, wenn ich diese Möglichkeiten nicht nutzen würde. Das Problem beginnt nicht bei der Existenz eines Werkzeugs, sondern bei der Haltung dazu und dem eigenen Qualitätsanspruch. Wird KI genutzt, um ein menschliches Werk zu unterstützen? Oder wird sie genutzt, um menschliche Autorenschaft zu simulieren? Das ist der entscheidende Unterschied.

Ein Autor, der KI als Werkzeug nutzt, bleibt verantwortlich. Er kennt seine Figuren, prüft seine Handlung, überarbeitet, entscheidet. Er steht für das Ergebnis ein. Eine Content-Farm hingegen nutzt KI nicht als Werkzeug, sondern als Ersatz für Arbeit, eigene Gedanken und Sorgfalt. Sie erzeugt Texte, Verpackungen, Pseudonyme und Serienmechanik. Möglichst schnell, möglichst billig und möglichst austauschbar. Das Ergebnis kann oberflächlich lesbar sein. Manchmal sogar unterhaltsam. Aber es fehlt oft das, was Literatur — auch Unterhaltungsliteratur — eigentlich trägt: Stimme, Konsequenz, innere Wahrheit, echte Erfahrung, erzählerische Verantwortung.

Eberhofer kann nichts dafür

Man sollte dabei nicht den Fehler machen, das Genre selbst zu verteufeln. Regionalkrimis können großartig sein. Auch humoristisch-bayerische mit Essen im Titel. Man muss sie nicht mögen, aber man kann anerkennen, dass genau das offenbar viele Menschen anspricht. Das Problem ist auch nicht der Leberkas, sondern die Retorte. In diesem Fall mit Eberhofer-Anstrich. Ein erfolgreicher Regionalkrimi lebt nicht davon, dass irgendwo eine Weißwurst, ein Obazda oder eine Brezn erwähnt wird. Er lebt von Figuren, Rhythmus, Milieu, Konflikten, Sprache und Beobachtung.

Wer nur die Oberfläche kopiert, bekommt ein Imitat ohne Seele. Eberhofer funktioniert nicht, weil die Titel witzig klingen und Essen in ihnen vorkommt. Eberhofer funktioniert, weil die Welt dahinter eine erkennbare Stimme mit Wiedererkennungswert hat. Die Eberhofer-Abklatsch-Retortenware dagegen nimmt das äußere Aroma und ersetzt den Kern durch Textmasse, getreu dem Motto: Kann Spuren eines Regionalkrimis enthalten.

Was Leser tun können

Leserinnen und Leser müssen deshalb jetzt keine Literaturdetektive werden. Aber ein paar Warnsignale helfen, um zu erkennen, worauf man sich einlässt:

  • extrem viele Bände in sehr kurzer Zeit,
  • kein Autorenprofil,
  • generische Pseudonyme,
  • sehr ähnliche Cover,
  • auffällig formelhafte Titel,
  • Klappentexte mit austauschbaren Satzbausteinen,
  • Rezensionen, die wiederholt Widersprüche, fehlenden Humor oder schlechte Korrektur bemängeln,
  • hohe eBook-Preise bei eher kurzem Umfang,
  • Serien, die wie Kopien anderer erfolgreicher Serien wirken.

Keines dieser Signale beweist für sich allein KI-Massenware. Aber spätestens wenn ein paar davon zusammenkommen, sollte man hellhörig werden.

Was Amazon tun müsste

Amazon könnte das Problem entschärfen, wenn KI-generierte Inhalte für Käufer sichtbar gekennzeichnet würden. Nicht nur irgendwo im KDP-Backend oder als interne Angabe beim Upload, wie es derzeit der Fall ist. Sondern direkt dort, wo die Kaufentscheidung fällt: auf der Produktseite. Tolino verlangt beispielsweise inzwischen einen Hinweis im Buch selbst.

Ein einfacher Hinweis würde genügen:

„Dieses Buch enthält KI-generierte Textanteile.“
„Dieses Cover wurde KI-generiert.“
„Dieses Werk wurde überwiegend KI-generiert.“

Dann könnten Leser selbst entscheiden. Wer KI-generierte Schnellware lesen möchte, soll das tun. Aber er sollte es wissen. Transparenz wäre keine Zensur, sondern vielmehr Verbraucherschutz.

Warum echte Autorenschaft trotzdem zählt

Am Ende bleibt die bittere Frage: Warum soll man sich als Autor überhaupt noch Mühe geben, wenn Retortenserien mit generischen Covern, Pseudo-Dialekt und fragwürdiger Kontinuität trotzdem ranken? Die Antwort ist so unbequem wie einfach: Weil der Markt nicht gerecht ist. Die andere Wahrheit: Weil echte Arbeit langfristig anders wirkt. Ein schnell zusammengebautes Produkt kann Käufer abgreifen. Eine echte Reihe kann Leser binden. Und das ist mir persönlich viel wichtiger, als unter einem Pseudonym möglichst viel Profit abzuschöpfen.

Ein Retortenkrimi kann ein Ranking erzeugen. Eine glaubwürdige Autorenstimme kann Vertrauen schaffen. Ein KI-Template kann ein Genre imitieren. Aber es kann schwer eine Welt erschaffen, in die Leser wirklich zurückkehren wollen. Vielleicht ist das der einzige Trost in dieser Entwicklung: Die Oberfläche wird immer leichter kopierbar. Aber gerade deshalb wird das, was darunter liegt, wichtiger. Das klingt vielleicht altmodisch.

Aber möglicherweise ist genau das der Unterschied zwischen einem guten Buch und einem Eberhofer-Abklatsch aus der Leberkas-Retorte.

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