Von attraktiven Sekretärinnen, gefährlichen Verbrechern und einem Privatdetektiv mit schwerem Eisenhaken.
Ich stöbere ja gerne mal auf Amazon, Thalia & Co. und schaue mir an, was andere Autoren so machen. Denn von den Erfolgreicheren (und da gibt es einige) kann man schließlich lernen, heißt es. Manchmal entdeckt man dabei allerdings auch Dinge, mit denen man überhaupt nicht gerechnet hätte.
So bin ich eher zufällig auf den Schweizer Autor Patrick Salm und seine Werke gestoßen. Und der steht für mich exemplarisch für eine ganz besondere Spielart der Unterhaltungsliteratur, der ich mich heute widmen möchte: dem Senior-Pulp.
Was soll das nun wieder sein?
Würde man die Erklärung stark verkürzen, käme man wohl beim Begriff „Altherren-Fantasie“ heraus. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht.
Unter Senior-Pulp verstehe ich eine eigentümliche Mischung aus klassischem Abenteuerroman, Kriminalgeschichte, Erotik und männlicher Wunschfantasie. Da gibt es erfahrene Männer, die sich mit gefährlichen Verbrechern anlegen, geheimnisvolle Frauen kennenlernen und nebenbei in amouröse Abenteuer geraten, von denen andere höchstens träumen können. Die Schauplätze sind gerne exotisch, die Verwicklungen spektakulär und die Leidenschaften selbstverständlich grenzenlos.
Das Ganze bewegt sich irgendwo zwischen Groschenroman, Agententhriller und spätberufener Casanova-Erzählung.
Natürlich ist Senior-Pulp keine offizielle literarische Genrebezeichnung. Ich habe mir diesen Begriff kurzerhand selbst ausgedacht. Vielleicht setzt er sich ja noch durch.
Krimispannung, Leidenschaft und ganz große Gefühle
Patrick Salm selbst versieht seine Romane mit Schlagworten wie „Krimispannung und Leidenschaft“ oder „Erotischer Thriller“. Die Coverdesigns muten dabei an wie eine Mischung aus moderner Dark Romance, Rosamunde Pilcher und klassischem Arztroman.
Eine durchaus interessante Kombination, die zumindest eines verspricht: Langweilig dürfte es wohl kaum werden.
Auch bei der Auswahl seiner Stoffe scheint der Autor wenig Berührungsängste zu haben. So greift er beispielsweise das tragische Unglück des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia auf, das unter dem Titel „Das Geheimnis der Kosta Konkordia“ Eingang in sein literarisches Schaffen gefunden hat.
Ich nenne das mutig. Persönlich hätte ich mich an einen solchen Stoff wohl nicht herangetraut, allein schon aus Respekt vor den Menschen, die bei dieser Katastrophe ihr Leben verloren haben. Andererseits ist es natürlich legitim, reale Ereignisse als Ausgangspunkt für fiktionale Geschichten zu verwenden. Entscheidend ist letztlich, wie man damit umgeht. Ob Salm hier das nötige Fingerspitzengefühl beweist, kann ich ohne Lektüre des gesamten Romans nicht beurteilen.
Und damit das gleich vorweggenommen ist: Mir geht es hier nicht um eine literarische Rezension seiner Romane. Ich beschäftige mich vielmehr mit ihrer öffentlichen Präsentation, insbesondere mit den Klappentexten und der unfreiwilligen Komik, die sich mitunter darin verbirgt.
Zwischen Leserbegeisterung und handwerklichen Schwächen
Ein Blick auf die Kundenrezensionen zeigt jedenfalls ein gemischtes Bild. Einige Leserinnen und Leser loben die Spannung, unerwartete Wendungen, knisternde Erotikszenen und gute Recherchearbeit. Das sollte man keineswegs kleinreden. Offenbar finden die Geschichten durchaus Menschen, die sich gut davon unterhalten fühlen.
Auf der anderen Seite werden mangelnde Sorgfalt, flache Handlungen, Widersprüche, Inkonsistenzen und sachliche Fehler bemängelt. Ein Leser kritisiert sogar ausdrücklich das „schweizerische Vokabular“, das als „altbacken“ empfunden wird. Wobei man fairerweise anmerken muss, dass schweizerisches Hochdeutsch nicht zwangsläufig altbacken ist, nur weil es für deutsche Ohren etwas ungewohnt klingt.
Besonders interessant finde ich jedoch zwei andere Bewertungen.
Ein Rezensent verweist auf den hölzernen Schreibstil und bringt dabei direkt den Verdacht einer KI-Nutzung ins Spiel. Eine andere Rezension führt sogar „unerträgliche Rechtschreibfehler“ als Begründung für eine entsprechende Vermutung an.
Hier, finde ich, wird Patrick Salm und seinem Senior-Pulp Unrecht getan.
Denn wer sich etwas eingehender mit der Materie beschäftigt, könnte durchaus zu einem anderen Schluss kommen: Eine vernünftige KI-Unterstützung hätte den Werken und insbesondere ihrer Vermarktung womöglich sogar ganz gut getan. Mangelhafte Rechtschreibung ist schließlich kein Beweis für KI-Nutzung. Ebenso wenig wie ein hölzerner Schreibstil. Im Gegenteil: Gerade beim Aufspüren solcher Schwächen könnten moderne Sprachmodelle ausgesprochen hilfreich sein.
Das bedeutet natürlich nicht, dass KI automatisch gute Literatur hervorbringt. Aber zwischen der vollständigen Generierung eines Romans und dem gezielten Einsatz eines digitalen Werkzeugs liegen Welten. Ein Unterschied, der in der gegenwärtigen Debatte gerne unter den Tisch fällt.
Wenn der Klappentext zum Abenteuer wird
Denn wenn man dem Autor eines sicher nicht vorwerfen kann, dann, dass er nichts zu erzählen hätte. Auch der Stoff ist nicht grundsätzlich das Problem. Kriminalgeschichten, außergewöhnliche Schauplätze, attraktive Frauen und leidenschaftliche Verwicklungen sind schließlich seit Jahrzehnten bewährte Zutaten der Unterhaltungsliteratur.
Hier scheint es vielmehr an der Umsetzung zu kranken. Ich nenne es schlicht Unbeholfenheit. Diese spiegelt sich für meinen Geschmack nicht nur im Coverdesign wider, sondern insbesondere in den Klappentexten, die bisweilen eine bemerkenswerte Eigendynamik entwickeln.
Offenbar wurde versucht, die Geschichten möglichst vollständig und reißerisch anzupreisen. Dafür nimmt man in Kauf, dem potenziellen Leser gleich einen beträchtlichen Teil der Handlung zu verraten. Statt Neugier zu wecken, werden Ereignisse aneinandergereiht, bis sich der Klappentext beinahe wie eine Inhaltsangabe liest.
Und manchmal entstehen dabei Sätze, die unfreiwillig komisch wirken.
Hier einige meiner persönlichen Fundstücke.
Die attraktive Sekretärin
„Christian entschliesst sich nach Südfrankreich zu reisen. Eine Gelegenheit seine attraktive Sekretärin ebenfalls einzuladen. Sie willigt ein, für beide bietet sich eine willkommene Möglichkeit einander besser kennenzulernen.“
Für mich hört sich das an wie das Drehbuch für einen mediterranen Porno.
Der Privatdetektiv muss zwar einen mysteriösen Flugzeugabsturz untersuchen, aber warum sollte man die Gelegenheit nicht gleich für einen kleinen Betriebsausflug nutzen? Die attraktive Sekretärin kommt mit, willigt freundlicherweise ein und schon steht einer intensiveren Zusammenarbeit nichts mehr im Wege. Andere Arbeitgeber veranstalten dafür Teambuilding-Seminare.
Die geheimnisvolle Schönheit
„Seit Tagen ist der Privatdetektiv von einer geheimnisvollen Schönheit fasziniert, die er in einem Strandkorb entdeckte. Er möchte sie unbedingt kennenlernen und folgt ihr unauffällig.“
Das klingt für mich, als hätte ein Mittelschüler einen Aufsatz über Stalking geschrieben.
Natürlich wissen wir nicht, was der Privatdetektiv tatsächlich im Schilde führt. Vielleicht steckt hinter der geheimnisvollen Schönheit ja eine internationale Verbrecherorganisation. Vielleicht ist sie auch einfach nur eine Frau, die gerne ungestört am Strand liegt. Immerhin folgt er ihr unauffällig. Das spricht zumindest für seine berufliche Qualifikation.
Schreckliche kriminelle Hintergründe
„Die Koordinate erweist sich vorerst als unbedeutend, je tiefer sie forschen, umso mehr stoßen sie auf schreckliche kriminelle Hintergründe.“
Dieser Satz klingt irgendwie nach Höhlenforschung mit Mafia-Anstrich.
Die besagten „Hintergründe“ bleiben dabei vollkommen abstrakt. Man erfährt lediglich, dass sie schrecklich und kriminell sind. Und dass die Ermittler immer tiefer forschen, obwohl die Koordinate zunächst unbedeutend erscheint. Das ist ungefähr so, als würde man einen Krimi mit den Worten bewerben: Ein Mann untersucht ein Verbrechen und entdeckt dabei Dinge, mit denen niemand gerechnet hätte. Wahrscheinlich stimmt das sogar. Nur neugierig macht es mich nicht unbedingt.
Der schwere Eisenhaken
„Eine Verbrecherbande wurde durch seine Ermittlungen gefasst, nicht aber die Hintermänner. Vorsichtig, mit einem schweren Eisenhaken bewaffnet öffnet er die Türe. Es verschlägt ihm die Sprache.“
Mein persönlicher Favorit.
Ein Privatdetektiv, der mit einem schweren Eisenhaken bewaffnet eine Tür öffnet. Warum er ausgerechnet einen Eisenhaken benötigt, bleibt zunächst sein Geheimnis. Vermutlich war die Brechstange gerade anderweitig beschäftigt. Und dann verschlägt es ihm auch noch die Sprache! Ich gebe zu, an dieser Stelle hätte ich beinahe Lust bekommen, das Buch zu kaufen. Allein schon, um herauszufinden, wie es mit dem Eisenhaken weitergeht.
Ist das nun schlechte Literatur?
Das ist eine durchaus interessante Frage. Denn bei aller unfreiwilligen Komik sollte man eines nicht vergessen: Unterhaltungsliteratur muss nicht zwangsläufig literarisch anspruchsvoll sein, um ihren Zweck zu erfüllen. Groschenromane, Heftserien und klassische Abenteuerliteratur leben seit Generationen von überzeichneten Figuren, spektakulären Ereignissen und manchmal haarsträubenden Handlungsverläufen. Warum sollte ein Privatdetektiv nicht gleichzeitig einen internationalen Kriminalfall lösen und das Herz seiner attraktiven Sekretärin erobern dürfen?
Schließlich gibt es unzählige Liebesromane, in denen sich ein geheimnisvoller Milliardär ausgerechnet in eine unscheinbare junge Frau verliebt. Auch das ist im Grunde nichts anderes als eine Wunschfantasie. Senior-Pulp dreht den Spieß eben ein wenig um. Die Frage ist deshalb weniger, ob solche Geschichten einen hohen literarischen Anspruch erfüllen, sondern ob sie ihr Publikum unterhalten.
Und offenbar gibt es Leser, die genau diese Art von Geschichten mögen. Vielleicht ist die etwas altmodische Erzählweise sogar Teil ihres Charmes. Nicht jeder sucht nach komplexen Charakterstudien, philosophischen Abgründen oder stilistischen Experimenten. Manchmal möchte man einfach eine spannende Geschichte lesen, bei der am Ende die Bösen besiegt werden und der Held seine Angebetete bekommt. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden.
Was Selfpublisher daraus lernen können
Dennoch zeigt dieses Beispiel aus meiner Sicht ein grundsätzliches Problem des Selfpublishings.
Die Möglichkeit, ein Buch zu veröffentlichen, bedeutet noch lange nicht, dass man auch dessen Vermarktung beherrscht.
Eine gute Geschichte verkauft sich nicht automatisch von selbst. Ein Klappentext sollte neugierig machen, statt den halben Plot zu verraten. Ein Cover sollte eine erkennbare Zielgruppe ansprechen. Und sprachliche Sorgfalt ist kein überflüssiger Luxus, sondern ein Zeichen von Wertschätzung gegenüber den Lesern. Dabei muss längst nicht jeder Autor einen professionellen Lektor, Grafiker oder Werbetexter beschäftigen. Gerade für Selfpublisher mit begrenztem Budget stehen heute zahlreiche Hilfsmittel zur Verfügung. Dazu zählt eben auch künstliche Intelligenz. Sie kann beispielsweise helfen, einen Klappentext zu straffen, sprachliche Schwächen aufzuspüren, Formulierungsalternativen zu entwickeln oder eine Coveridee kritisch zu hinterfragen. Das nimmt dem Autor weder seine Geschichten noch seine Kreativität. Die Entscheidung darüber, was letztendlich veröffentlicht wird, bleibt weiterhin seine eigene.
Ein gutes Werkzeug ersetzt eben nicht das Handwerk. Es kann aber durchaus dabei helfen, handwerklich bessere Ergebnisse zu erzielen.
Ein Plädoyer für den Senior-Pulp
Um nicht missverstanden zu werden: Ich möchte Patrick Salm weder sein schriftstellerisches Können absprechen noch seine Bücher pauschal schlechtreden. Dazu müsste ich sie zunächst vollständig lesen. Seine öffentlich zugänglichen Klappentexte bieten allerdings genügend Stoff für eine kleine satirische Betrachtung. Und die ist ausdrücklich mit einem Augenzwinkern zu verstehen.
Denn vielleicht ist Senior-Pulp am Ende gar kein literarischer Unfall, sondern einfach eine besonders unverblümte Form der Unterhaltungsliteratur. Geschichten, die keine großen Ambitionen verfolgen, außer ihre Leser für ein paar Stunden in eine Welt zu entführen, in der gefährliche Verbrecher, geheimnisvolle Schönheiten und leidenschaftliche Affären zum Alltag gehören. Eine Welt, in der selbst ein Privatdetektiv mit schwerem Eisenhaken noch zum unwiderstehlichen Frauenhelden werden kann.
Und ganz unter uns: Irgendwie hat das auch wieder seinen Charme. Ich für meinen Teil werde die Entwicklung dieses neuen, von mir gerade erst erfundenen Genres jedenfalls mit Interesse verfolgen.
Vielleicht begegnet uns der schwere Eisenhaken ja irgendwann wieder.
