Leberkas-Retorte Teil 2: Die Shambooks-Saga geht weiter

Zwanzig Bayernkrimis in weniger als zehn Monaten, verdächtig ähnliche Autorenmarken und Leser, denen langsam der Appetit vergeht.

Als ich im Juni erstmals über die Leberkas-Retorte schrieb, ahnte ich nicht, welche Dimensionen die Shambooks-Saga noch annehmen würde. Damals ging es um zwei auffällige Bayernkrimi-Reihen, deren Veröffentlichungsfrequenz selbst für produktive Vielschreiber bemerkenswert erschien. Inzwischen ist es Oktober. Und offenbar läuft die Verwurstung des bayerischen Regionalkrimis weiterhin auf Hochtouren. Unter dem Namen Leo Brandl sind mittlerweile elf sogenannte „Ammersee-Krimis“ erschienen. Vroni Kirchner bringt es inzwischen auf neun Bücher. Macht zusammen zwanzig Romane, allesamt aus dem Jahr 2026. Im Schnitt also mehr als zwei Neuveröffentlichungen monatlich. Und als wäre das nicht genug, sind mir bei meinen Recherchen zwei weitere Autorenmarken begegnet, deren Bücher nach einem erstaunlich ähnlichen Muster vermarktet werden: Fanni Eder und Heidi Sennhofer.

Willkommen zum zweiten Teil der bayerisch etikettierten Shambooks-Saga.

Vier Autorennamen, eine Verkaufsformel

Die Titel folgen einem vertrauten Prinzip: Brezn, Blut und Hosenträger, Rathaus, Reiberdatschi und Racheengel oder Enzian, Elixier und Erbschleicher. Die Rezeptur ist offensichtlich: drei möglichst einprägsame Begriffe, eine Portion Lokalkolorit und irgendwas mit Verbrechen. Die Autorenmarke? Egal, Hauptsache es klingt irgendwie vertrauenerweckend bairisch-bürgerlich. Noch interessanter ist allerdings der Untertitel. Vroni Kirchner, Leo Brandl und Heidi Sennhofer verwenden die wortgleiche Formulierung:

„Ein Bayern-Krimi mit Humor aus der Provinz“

Bei Fanni Eder findet sich die verkürzte Variante: „Ein Bayern-Krimi aus der Provinz“.

Zufall? Möglich. Schließlich lassen sich in einer solchen Formulierung gleich mehrere verkaufsfördernde Suchbegriffe unterbringen. Ebenso denkbar wäre allerdings eine gemeinsame Marketingvorlage, die für unterschiedliche Autorenmarken verwendet wird. Das allein beweist noch nichts. Aber es bleibt nicht bei dieser Gemeinsamkeit.

Wenn sogar die alten VW-Busse dieselben Macken haben

Ich habe mir inzwischen die öffentlich zugänglichen Leseproben aller vier Autorenmarken angesehen. Dabei zeigen sich erstaunliche Parallelen. Bei Fanni Eder kehrt ein Mann namens Xare mit einem alten VW-Bus in sein Heimatdorf zurück. Baujahr 1994, technisch angeschlagen, Ölverlust. Er spricht mit seinem Fahrzeug und klopft aufs Armaturenbrett, um es zum Durchhalten zu bewegen.

Bei Heidi Sennhofer fährt die Protagonistin Leni einen VW T3 von 1987. Auch dieser Bus ist eine ziemliche Rostlaube, springt nur widerwillig an und muss durch Klopfen aufs Armaturenbrett zur Mitarbeit überredet werden.

Zwei unterschiedliche Romane, zwei betagte VW-Busse und dasselbe eigenwillige Ritual.

Auch Katzen spielen eine auffallend ähnliche Rolle. Bei Fanni Eder treibt ein arroganter roter Kater sein Unwesen, während bei Heidi Sennhofer die Katze Morrigan mit ihren vermeintlich menschlichen Charakterzügen für humoristische Einlagen sorgt.

Hinzu kommen Namensüberschneidungen. Bei Leo Brandl begegnet uns ein Gastwirt namens Xaver Bruckmoser, bei Heidi Sennhofer ein Bergbauer namens Toni Bruckmoser. Der Name Brandner taucht wiederum bei Leo Brandl und Vroni Kirchner auf. Und während Brandl einen Schreiner mit „Händen wie Schaufeln“ beschreibt, verwendet Sennhofer dieselbe Formulierung für ihren Bergbauern.

Natürlich sind Bruckmoser und Brandner keine außergewöhnlichen bairischen Familiennamen. Auch die erwähnte Beschreibung ist nicht sonderlich originell. Aber die Häufung ähnlicher Details innerhalb weniger Leseproben ist dennoch bemerkenswert. Zumal sich auch die sprachlichen Eigenheiten ähneln: abgehackte Kurzsätze, bedeutungsschwere Nachbemerkungen, auffällig häufige Geviertstriche und ein bairischer Dialekt, der gelegentlich klingt, als wäre er aus einem Klischeebaukasten zusammengesetzt worden. Ich persönlich habe mir bei der Durchsicht der Leseproben fast die Augen gebrochen.

Auch beim Preis herrscht erstaunliche Einigkeit

Nicht nur bei Titeln, Untertiteln, Coverdesign und Handlungsumfang scheint man sich bemerkenswert einig zu sein. Auch die Preisgestaltung folgt einer vertrauten Formel: Rund 200 Seiten Bayernkrimi kosten in den untersuchten Reihen durchgängig 6,99 Euro als E-Book. Wenn verschiedene Autorenmarken nahezu identische Produkte zu nahezu identischen Preisen anbieten, verstärkt das den Eindruck einer standardisierten Vermarktung.

Zwei Autorennamen, ein Impressum?

Besonders interessant ist eine Rezension zu dem Buch Bärlauch, Beichte und Beerdigung. Darin behauptet ein Leser, dass sowohl bei Vroni Kirchner als auch bei Leo Brandl im E-Book-Impressum der Name „Manuela Rohr“ als verantwortliche Person aufgeführt sei.

Sollte diese Angabe zutreffen, wäre das ein ziemlich konkreter Hinweis auf eine Verbindung zwischen den beiden Autorenmarken. Unabhängig überprüfen konnte ich die Behauptung bislang nicht. Die betreffenden Impressumsseiten sind in den öffentlich zugänglichen Leseproben offenbar nicht enthalten. Um die Angaben selbst abzugleichen, hätte ich die Bücher kaufen müssen. Darauf habe ich bewusst verzichtet. Nicht etwa, weil mich die paar Euro in finanzielle Schwierigkeiten bringen würden, sondern weil ich ein Veröffentlichungsmodell, das mir vor allem durch Masse, fragwürdige Qualitätskontrolle und überteuerte E-Book-Preise auffällt, nicht auch noch mit meinem Geld unterstützen möchte. Das ist keine Frage des Geldes, sondern des Prinzips.

Ob sich hinter den unterschiedlichen Autorennamen tatsächlich dieselbe Produktionsstruktur verbirgt, muss ich daher vorerst offenhalten.

Die Shambooks-Saga: Leser bemerken es inzwischen selbst

Besonders aufschlussreich sind die bereits mehrfach erwähnten Rezensionen. Bei Vroni Kirchner berichten mehrere Leser von einem deutlichen Qualitätsabfall gegenüber den ersten Bänden. Kritisiert werden widersprüchliche Figurenbiografien, wechselnde Verwandtschaftsverhältnisse, ein zunehmend merkwürdiger Schreibstil und eine Handlung, deren Logik offenbar nicht immer nachvollziehbar ist. Bei Leo Brandl sieht es ähnlich aus. In Rezensionen zu Band 6 bemängeln gleich mehrere Leser, dass eine Figur innerhalb der Geschichte zunächst 17 und später plötzlich 19 Jahre alt ist. Auch hier berichten Stammleser von einem Qualitätsverlust im Verlauf der Reihe.

Bemerkenswert ist, dass manche Rezensenten ausdrücklich den Verdacht äußern, die Texte könnten mithilfe künstlicher Intelligenz entstanden sein. Ein Beweis ist das natürlich nicht. Aber die Kritik kommt nicht ausschließlich von Leuten, die mit dem Genre nichts anfangen können. Darunter befinden sich Leser, denen die früheren Bände durchaus gefallen haben. Und genau hier stellt sich für mich die entscheidende Frage: Wie viel Zeit bleibt bei einer solchen Veröffentlichungsfrequenz eigentlich für sorgfältige Überarbeitung, Lektorat und Kontinuitätskontrolle?

Dass ein Roman nicht perfekt ist, geschenkt. Fehler passieren. Da nehme ich mich selbst nicht aus. Doch wenn Figuren innerhalb eines Bandes ihr Alter wechseln oder sich über mehrere Bücher hinweg ihre Familienverhältnisse verändern, darf man durchaus fragen, ob die Qualitätssicherung mit der Produktion Schritt hält.

Viele Bücher, erstaunlich wenige Autoreninfos

Auffällig ist außerdem, wie wenig über die Menschen hinter den vier Namen zu erfahren ist. Bei meinen Recherchen konnte ich bislang keine belastbare eigenständige Autorenpräsenz ausfindig machen. Kein Autorenprofil auf Amazon, keine aussagekräftigen Biografien, keine erkennbare Kommunikation mit Lesern, keine Interviews. Abseits der Buchhandelsseiten bleiben die Autorenmarken weitgehend unsichtbar.

Natürlich ist das keineswegs verboten. Viele Schriftsteller veröffentlichen unter einem Pseudonym und möchten ihre Privatsphäre schützen. Im Zusammenspiel mit den nahezu identischen Vermarktungsformeln und der ungewöhnlichen Veröffentlichungsfrequenz wirft diese Zurückhaltung allerdings weitere Fragen auf. Handelt es sich tatsächlich um unabhängige Autoren, die zufällig auf dieselbe Erfolgsformel setzen? Oder steckt hinter mehreren Namen eine gemeinsame Produktionsstruktur?

Bislang lässt sich auch das nicht abschließend beantworten. Die Shambooks-Saga scheint jedenfalls weiterhin ohne Gesicht zu bleiben.

Ob KI oder nicht: Am Ende zählt das Buch

Ich behaupte ausdrücklich nicht, dass die untersuchten Romane nachweislich von einer KI geschrieben wurden. Dazu fehlen belastbare Informationen über ihre tatsächliche Entstehung. Die beobachteten Gemeinsamkeiten sind jedoch real und überprüfbar. Ebenso die dokumentierten Leserbeschwerden. Und vielleicht ist das eigentliche Problem gar nicht die künstliche Intelligenz selbst. KI kann beim Schreiben, Recherchieren und Überarbeiten ein ausgesprochen hilfreiches Werkzeug sein. Entscheidend ist, was ein Autor daraus macht und wie sorgfältig er das Ergebnis prüft.

Wer allerdings Bücher in einem Tempo veröffentlicht, bei dem selbst Stammleser Schwierigkeiten haben, den Überblick zu behalten, muss sich Fragen nach der Qualität gefallen lassen. Mein persönlicher Verdacht bleibt, dass wir hier möglicherweise nicht nur gewöhnliches Selfpublishing beobachten, sondern eine Form hochgradig standardisierter Buchproduktion. Ob dahinter ein gemeinsamer Betreiber, mehrere Nachahmer oder KI-gestützte Arbeitsabläufe stecken, bleibt offen.

Der Fleischwolf der Shambooks-Saga läuft jedenfalls unermüdlich weiter – und dreht erbarmungslos ein Heimatklischee nach dem anderen durch. Und während in erstaunlicher Geschwindigkeit neue Bayernkrimis aus dem Ofen kommen, scheint ausgerechnet eine der wichtigsten Zutaten gelegentlich auf der Strecke zu bleiben: Die Sorgfalt.

Hinweis: Dieser Artikel wurde mit der gebotenen journalistischen Vorsicht verfasst. Nicht etwa aus Mangel an Indizien, sondern weil man in Deutschland bekanntlich auch für sorgfältig begründete Kritik erst einmal das Risiko eingeht, von Rechtsverdrehern belästigt zu werden.
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