Wenn öffentlich-rechtliches Framing jedes Maß verliert
In verschiedenen öffentlich-rechtlichen Reportagen und Kurzformaten wurde jüngst die sogenannte »Looksmaxxing«-Szene beleuchtet und dort teilweise mit Ideologien des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Begründet wurde dies unter anderem damit, dass dort Männer nach Attraktivität, Status und genetischer Veranlagung in vermeintlich höher- und minderwertige Kategorien eingeteilt würden.
Nein, dieser Artikel ist keine Verteidigung von Looksmaxxing. Er richtet sich gegen verkürzte journalistische Darstellungen. Man muss Looksmaxxing nicht gut finden. Man kann und sollte diese Entwicklung sogar ausgesprochen kritisch sehen. Der krankhafte Optimierungswahn, das obsessive Bewerten von Menschen nach pseudowissenschaftlichen Maßstäben, die Abwertung von Frauen, gesundheitsgefährdende Trends wie das sogenannte »Bonesmashing« oder die künstliche Verlängerung von Gliedmaßen, die Klassifizierung nach genetischer Überlegenheit, Körpergröße und sozialer Verwertbarkeit – darüber müssen wir sprechen. Bereits in einem vorangegangenen Artikel beschäftigte ich mich mit problematischen Männlichkeitsbildern und ihren Ursachen.
Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem der eingangs genannten Formate: Nicht jede fragwürdige oder toxische Subkultur lässt sich automatisch sinnvoll als »rechts« kategorisieren oder gar mit der nationalsozialistischen Rassenlehre gleichsetzen.
Gerade der direkt oder indirekt zum Vergleich bemühte Nationalsozialismus war nicht einfach nur eine Ideologie der »Hierarchisierung«, die sich alleine an der Verwendung von Begriffen wie »Untermensch« (sogenannte »Subs«) festmachen lässt. Der Nationalsozialismus war kein TikTok-Schönheitswahn, keine Dating-Theorie und kein Internettrend für verunsicherte junge Männer. Er war ein totalitärer Vernichtungsstaat. Ein industriell organisierter Massenmord an Millionen Menschen. Er war geprägt von Deportationen, Konzentrationslagern, Krieg, Vertreibung, Rassenwahn und systematischer Entmenschlichung mit anschließend realer physischer Vernichtung.
Wer all das auf die Formel reduziert:
»Da werden Menschen als höher- und minderwertig eingeteilt«,
hat offenbar jedes historische Maßgefühl verloren.
Natürlich existieren Hierarchien und Abwertungsmechanismen auch außerhalb des Nationalsozialismus. Sie existieren in sozialen Medien, in Schönheitsidealen, in toxischen Subkulturen, teilweise sogar im Alltag selbst. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass jede Form menschlicher Oberflächlichkeit oder sozialdarwinistischen Denkens sofort in die Nähe des Dritten Reiches gerückt werden muss.
Genau hier zeigt sich ein Muster, das inzwischen immer häufiger in Teilen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu beobachten ist: die moralische Aufladung durch maximale historische Vergleichsbilder.
Es reicht offenbar nicht mehr zu sagen: »Hey, diese Szene erzeugt problematische, gefährliche oder gar pathologische Denkweisen. Wie können wir dem entgegenwirken?«
Statt ernsthafter Analyse und differenzierter Ursachenforschung wird hingegen sofort die größtmögliche moralische Keule ausgepackt. Das Ergebnis ist kein Erkenntnisgewinn, sondern Framing.
Die wichtigsten Begriffe rund um Looksmaxxing
(alternative Schreibweise: Looksmaxing)
Bezeichnung für die gezielte Optimierung des eigenen Aussehens, um attraktiver auf andere Menschen zu wirken. Die Maßnahmen reichen von Hautpflege, Fitness und Styling bis hin zu kosmetischen Eingriffen oder extremen Methoden wie »Bonesmashing«.
Menosphere
Sammelbegriff für verschiedene Online-Communities, die sich mit Männlichkeit, Beziehungen, Dating, Geschlechterrollen und Selbstoptimierung beschäftigen. Die Bandbreite reicht von harmlosen Selbsthilfeangeboten bis hin zu frauenfeindlichen oder radikalisierten Milieus.
Redpill
Angelehnt an den Film The Matrix. Anhänger der Redpill-Ideologie behaupten, eine unangenehme »Wahrheit« über Beziehungen und gesellschaftliche Machtverhältnisse erkannt zu haben (Sinnbild: das Erwachen durch Schlucken der roten Pille). Kritiker werfen der Bewegung vor, Frauen stark zu vereinfachen und Geschlechterkonflikte zu verschärfen.
Blackpill
Radikalere Weiterentwicklung der Redpill-Idee. Vertreter gehen davon aus, dass Erfolg bei Frauen weitgehend durch genetische Faktoren wie Aussehen, Körpergröße oder Status bestimmt wird und sich daran kaum etwas ändern lässt. Die Sichtweise gilt als besonders pessimistisch und fatalistisch.
Incel
Abkürzung für Involuntary Celibate (unfreiwillig enthaltsam). Bezeichnet Männer, die nach eigener Aussage keine romantischen oder sexuellen Beziehungen finden. Die meisten Betroffenen sind unauffällig, einige Online-Milieus entwickelten jedoch frauenfeindliche und extremistische Tendenzen.
Chad
Internet-Slang für einen besonders attraktiven, erfolgreichen und selbstbewussten Mann. Er gilt in vielen Online-Communities als Gegenbild zum sozial unsicheren Durchschnittsmann.
Gigachad
Übersteigerte Meme-Version des »Chad«. Die Figur stellt ein nahezu perfektes männliches Schönheitsideal dar und wird oft humoristisch, ironisch oder als Symbol extremer Selbstoptimierung verwendet.
Bonesmashing
Gefährlicher Internettrend, bei dem versucht wird, durch wiederholte Schläge auf bestimmte Gesichtspartien die Knochenstruktur zu verändern. Medizinisch gibt es keine belastbaren Belege für einen positiven Effekt; Verletzungen sind dagegen möglich.
Tinder-Effekt
Kein offizieller Fachbegriff, aber häufig verwendete Beschreibung für die Auswirkungen moderner Dating-Apps. Kritiker sehen darin einen stark konkurrenzorientierten Markt, in dem Aussehen und erste Eindrücke besonders stark gewichtet werden.
Looksmaxxing und die Rolle des ÖR
Genau das sollte nicht die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein. Die ursprüngliche Idee des ÖR war eine möglichst ausgewogene Berichterstattung, sowie Information und Einordnung unterschiedlicher gesellschaftlicher Perspektiven unter Wahrung journalistischer Distanz. Nicht pädagogische Vorformung gesellschaftlich erwünschter Haltungen. Nicht das permanente Einsortieren jedes Phänomens in moralisch eindeutig markierte Lager.
Doch inzwischen wirkt manche Berichterstattung weniger wie Analyse und mehr wie ein ideologischer Filter mit stets ähnlicher Stoßrichtung. Bestimmte Narrative scheinen bereits festzustehen, bevor die eigentliche Recherche überhaupt beginnt: toxische Männlichkeit, rechte Codes, Radikalisierung, Frauenhass, Homophobie. Und so wird selbst aus einer fragwürdigen Internet-Subkultur plötzlich ein Schatten des Nationalsozialismus konstruiert.
Doch die eigentlich journalistisch interessante Frage verortet sich ganz woanders. Warum wurde Looksmaxxing überhaupt groß? Warum finden Millionen junger Männer solche Inhalte attraktiv? Warum entstehen ganze Online-Milieus, die sich obsessiv mit Attraktivität, Status und Selbstoptimierung beschäftigen? In einer etwas neutraleren Reportage des Formats »Panorama« wird das zwar teilweise angesprochen, aber auch sie bekommt am Ende die Kurve nicht so richtig.
Die Antwort ist komplex
Die einfache Antwort wäre: weil diese Menschen »toxisch« oder »rechts« seien. Die ehrliche Antwort ist deutlich unbequemer. Trends wie Looksmaxxing entstehen nicht im luftleeren Raum. Die Szene ist das Produkt einer Gesellschaft, die selbst längst extrem oberflächenorientiert geworden ist. Das zeigen soziale Medien im permanenten Schönheitsvergleich, Dating-Apps im Konkurrenzmarkt, algorithmische Sichtbarkeit, Fitness-, Status- und Selbstoptimierungsdruck, Influencer-Ästhetik und die ständige öffentliche Bewertung von Attraktivität und Erfolg.
Viele junge Männer wachsen heute in digitalen Umgebungen auf, in denen Sichtbarkeit, Wirkung und äußere Attraktivität permanent quantifiziert werden. Likes, Matches, Reichweite und soziale Anerkennung folgen zunehmend marktförmigen Mechanismen. Tragischerweise scheinen viele dieser jungen Männer Orientierung, Anerkennung und Zugehörigkeit an Orten zu suchen, an denen sie sie leichter finden als in ihrem realen Umfeld.
Da überrascht es kaum, dass manche beginnen, ihr Gesicht, ihren Körper oder ihre gesamte Außenwirkung schonungslos wie ein Optimierungsprojekt zu behandeln. Das entschuldigt nicht jede Entwicklung innerhalb dieser Szene. Aber es bietet zumindest einen Erklärungsversuch zu ihrer Entstehung.
Und genau darin liegt die Schwäche vieler moderner Medienbeiträge: Sie analysieren Symptome, aber selten die gesellschaftlichen Bedingungen dahinter. Statt zu fragen, warum Menschen überhaupt in solche Milieus abdriften, werden diese vorschnell moralisch etikettiert und historisch maximal aufgeladen.
Doch wer nur verurteilt, ohne verstehen zu wollen, betreibt keine tiefgehende Analyse. Er betreibt pädagogische Anleitung.
Eine wirklich gute Reportage müsste deshalb auch die unbequeme Frage stellen:
Produziert unsere moderne Online- und Konsumkultur die Voraussetzungen für solche Trends womöglich selbst?
Stattdessen entsteht häufig der Eindruck eines vorgefertigten Meinungskorridors: Die moralische Einordnung steht bereits fest, die eigentliche »Analyse« dient nur noch ihrer Bestätigung. Gerade deshalb wirken viele Zuschauer inzwischen zunehmend misstrauisch gegenüber öffentlich-rechtlichen Formaten. Nicht unbedingt, weil Kritik geäußert wird. Sondern weil die Art der Darstellung oft weniger offen analysierend als vielmehr pädagogisch lenkend erscheint. Und genau hier wird es gefährlich.
Denn wenn jede problematische Entwicklung irgendwann rhetorisch im Schatten des Nationalsozialismus landet, verliert dieser Vergleich seine historische Schwere. Der inflationäre Gebrauch solcher Analogien führt nicht zu mehr Sensibilität gegenüber der Geschichte, sondern langfristig zu ihrer Banalisierung.
Wer alles zum Nationalsozialismus erklärt, erklärt am Ende gar nichts mehr. Er ersetzt Analyse durch moralische Schockwirkung. Der Nationalsozialismus war keine toxische TikTok-Blase, keine Dating-Ideologie und kein Schönheitswahn. Sondern die industriell organisierte Ermordung von Millionen Menschen.
Wer beides sprachlich auf eine Ebene zieht, untergräbt nicht nur das historische Ausmaß, sondern irgendwann auch die Fähigkeit zur nüchternen Kritik.

Die bewusste Überzeichnung des männlichen Idealbilds hat inzwischen Kultstatus als Meme erreicht: der Gigachad.
Der pseudowissenschaftliche Unterbau
Die Looksmaxxing-Szene arbeitet oft mit einem pseudowissenschaftlichen Anstrich. Begriffe wie Genetik, Symmetrie, Testosteron, Kieferlinie, sexuelle Selektion oder evolutionäre Attraktivitätsmerkmale werden verwendet, als handle es sich um harte Naturgesetze.
Dadurch entsteht der Eindruck, menschliche Anziehung lasse sich objektiv vermessen und in Ranglisten übersetzen. Der Mann wird zum Datensatz: Körpergröße, Haaransatz, Kinnwinkel, Augenpartie, Körperfettanteil, Muskelmasse. Aus komplexen sozialen, emotionalen und persönlichen Beziehungen wird eine vermeintlich berechenbare Attraktivitätsformel.
Genau darin liegt die Falle. Einzelne biologische oder psychologische Befunde mögen existieren. Doch in der Szene werden sie häufig aus dem Zusammenhang gerissen, überhöht und zu fatalistischen Weltbildern verdichtet. Aus »Aussehen spielt eine Rolle« wird dann »Aussehen entscheidet alles«. Aus »Attraktivität kann Vorteile bringen« wird »wer nicht dem Ideal entspricht, ist minderwertig«.
Das ist keine Wissenschaft. Das ist eine Ideologie im Laborkittel.
Und gerade für verunsicherte junge Männer wirkt dieser Schein von Objektivität besonders stark. Denn er liefert eine einfache Erklärung für persönliche Zurückweisung, Einsamkeit oder fehlenden Dating-Erfolg: Nicht die eigene soziale Entwicklung, nicht Lebensumstände, nicht Zufall, nicht fehlende Erfahrung — sondern angeblich die genetische Ausstattung.
So wird aus Unsicherheit ein Weltbild. Und aus einem Weltbild ein Käfig.
Vom Einzelfall zur gesamten Szene
Besonders sticht dieses Muster bei der Beweisführung selbst hervor. In einem Beitrag des Formats »Kulturzeit« wird »Looksmaxxing« gleich zu Beginn als »rechte Subkultur« bezeichnet. Damit erhält der Zuschauer noch vor der eigentlichen inhaltlichen Behandlung eine fertige Deutungshilfe. Die Frage lautet nicht mehr, ob und in welchem Umfang politische Ideologien innerhalb der Szene eine Rolle spielen, sondern nur noch, wie diese bereits feststehende Einordnung anschließend belegt wird.
Im weiteren Verlauf greift die Reportage einen einzelnen TikToker heraus, der gemeinsam mit Andrew Tate und einem bekannten Nationalisten zu Kanye Wests umstrittenem Song »Heil Hitler« gefeiert haben soll. Dass ein solches Verhalten verachtenswert ist, steht kaum zur Debatte. Dennoch ergibt sich daraus eine grundsätzliche Frage:
Ist das Verhalten eines einzelnen Akteurs repräsentativ für eine gesamte Szene?
Genau an dieser Stelle beginnt die Argumentation jedoch problematisch zu werden. Denn die Looksmaxxing-Szene ist keineswegs einheitlich. Sie ist vielmehr ein Schmelztigel für Menschen mit teils sehr unterschiedlichen Motiven: Jugendliche mit geringem Selbstwertgefühl, Männer, die ihr Äußeres verbessern möchten, Fitness- und Lifestyle-Influencer, Dating-Coaches, Menschen mit kosmetischen Interessen, aber auch sogenannte »Incels«.
Besonders kritisch ist hier die Vermischung verschiedener Online-Milieus. Neben Looksmaxxing werden Redpill-Inhalte, Andrew Tate, nationalistische Extremisten wie Nick Fuentes und schließlich sogar nationalsozialistische Begrifflichkeiten genannt, während im Beitrag immer wieder Bilder des »Gigachad-Memes« eingeblendet werden. Dass zwischen diesen Bereichen teilweise personelle oder ideologische Überschneidungen bestehen können, ist unbestritten. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass sie identisch sind. Wer unterschiedliche Phänomene zu einer einzigen ideologischen Erzählung verschmilzt, vereinfacht komplexe Zusammenhänge und riskiert Fehlurteile. Die bloße Existenz von Berührungspunkten ersetzt keine Analyse ihrer tatsächlichen Bedeutung.
Offensichtlich ist, dass rechtsextreme Akteure solche Trends gezielt als Andockfläche nutzen. Wo junge Männer verunsichert sind, sich abgewertet fühlen und ihren Selbstwert zunehmend über Attraktivität, Status und Dominanz definieren, entsteht ein empfängliches Publikum für einfache Feindbilder und radikale Angebote. Genau darüber müsste eine gute Reportage sprechen: nicht über pauschale Gleichsetzung, sondern über Mechanismen der Vereinnahmung.
Wer hingegen aus einem besonders extremen Beispiel Rückschlüsse auf Tausende von Menschen zieht, verlässt den Bereich der differenzierten Analyse und betritt den Bereich der Generalisierung. Die Frage lautet daher nicht, ob es problematische Akteure innerhalb der Szene gibt. Die gibt es zweifellos.
Die eigentliche Frage lautet:
Reicht das Verhalten einzelner Extremisten aus, um eine gesamte Bewegung politisch einzuordnen?
Würde man dieselbe Methode auf andere gesellschaftliche Gruppen anwenden, wäre die Schwäche der Argumentation sofort sichtbar.
Die Macht historisch belasteter Begriffe
Gerade der mehrfach zitierte Begriff »Untermensch« besitzt aufgrund seiner Verwendung im Nationalsozialismus eine enorme historische Sprengkraft. Umso wichtiger wäre eine präzise journalistische Einordnung. Wer verwendet diese Begriffe? Wie häufig kommen sie tatsächlich vor? Handelt es sich um zentrale Elemente der Szene oder um einzelne Extrembeispiele? Werden sie ernsthaft benutzt oder lediglich zitiert?
Die Reportage beantwortet diese Fragen nicht. Stattdessen bleibt beim Zuschauer vor allem die Assoziation zurück. Das Wort fällt. Die historische Verbindung wird hergestellt. Man empört sich. Der gewünschte Eindruck entsteht. Doch genau darin liegt das Problem.
Eine seriöse Analyse würde Belege liefern. Sie würde Quellen nennen, Häufigkeiten untersuchen und Unterschiede herausarbeiten. Eine unsaubere Analyse arbeitet dagegen mit Andeutungen und Assoziationen. Der Zuschauer soll nicht verstehen, sondern einordnen.
Das beginnt bereits bei den offiziellen Beschreibungen solcher Beiträge. Dort wird Looksmaxxing nicht nur als problematischer Selbstoptimierungstrend beschrieben, sondern unmittelbar mit Macht, Status, Dominanz, »Untermenschen«, rechtsradikalen und rassistischen Denkmustern sowie der frauenfeindlichen »Menosphere« verbunden. Damit wird eine Deutungskette aufgebaut, bevor überhaupt sauber zwischen Szene, Randakteuren, Begriffsnutzung, Incel-Milieus, Redpill-Ideologie und rechtsextremer Vereinnahmung unterschieden wurde.
Eine gute Reportage müsste genau diese Übergänge untersuchen. Eine schwache Reportage setzt sie voraus.
Die unbeantwortete Frage
Selbst wenn man alle problematischen Aspekte der Szene akzeptiert, bleibt die wichtigste Frage unbeantwortet: Warum wurde Looksmaxxing überhaupt so erfolgreich? Warum finden so viele junge Männer darin Halt, Gemeinschaft und Lebenssinn?
Warum entstehen ganze Online-Milieus, die sich obsessiv mit Attraktivität, Status und Selbstoptimierung beschäftigen?
Hier versagt die journalistische Arbeit des ÖR weitgehend. Statt Ursachen zu analysieren, konzentriert sie sich fast ausschließlich auf moralische Bewertungen.
Dabei liegen die gesellschaftlichen Hintergründe eigentlich offen zutage:
- soziale Medien als permanenter Schönheitsvergleich
- überhöhte Ideale und unrealistische Erwartungshaltungen, die über soziale Medien millionenfach verbreitet werden
- algorithmische Sichtbarkeit
- Fitness- und Selbstoptimierungsdruck
- die ständige öffentliche Bewertung von Attraktivität
- die Kommerzialisierung sozialer Anerkennung
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der in solchen Reportagen häufig ausgeblendet wird: die Rolle moderner Dating-Plattformen. Dienste wie Tinder, Bumble oder Hinge haben Partnersuche teilweise in einen digitalen Wettbewerbsmarkt verwandelt. Gleichzeitig sind Männer auf vielen dieser Plattformen deutlich stärker vertreten als Frauen. Die Folge ist ein Ungleichgewicht, bei dem ein großer Teil männlicher Nutzer um die Aufmerksamkeit einer vergleichsweise kleineren Zahl weiblicher Nutzer konkurriert.
Für viele junge Männer entsteht dadurch das Gefühl, permanent bewertet, verglichen und aussortiert zu werden. Ob dieses Gefühl der Realität immer entspricht, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass es erlebt wird. In einer solchen Umgebung überrascht es kaum, wenn Attraktivität als entscheidender Faktor für sozialen oder romantischen Erfolg wahrgenommen wird. Looksmaxxing erscheint dann nicht als Ursache, sondern als Reaktion auf einen wahrgenommenen Konkurrenzdruck, der auf Unsicherheit trifft. Wer dieses Phänomen verstehen möchte, muss daher auch die Strukturen betrachten, aus denen es hervorgeht.
Wenn Medienkritik selbst verdächtig wird
Inzwischen muss man allerdings fast schon vorsorglich dazusagen: Wer öffentlich-rechtliche Berichterstattung kritisiert, stellt sich damit nicht automatisch gegen unabhängigen Journalismus. Und wer ein problematisches Framing beanstandet, verteidigt nicht automatisch jene Milieus, über die berichtet wird.
Auch das ist Teil des Problems. Wenn Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk ebenfalls reflexhaft als »rechts« einsortiert wird, verengt sich der Debattenraum weiter. Dann geht es nicht mehr um die Frage, ob ein Beitrag sauber argumentiert, sauber belegt und sauber trennt – sondern nur noch darum, wer die Kritik äußert und in welches Lager sie angeblich gehört.
Doch ein demokratischer Rundfunk muss Kritik aushalten. Gerade weil er öffentlich finanziert wird. Gerade weil er einen besonderen Auftrag hat. Und gerade weil seine Glaubwürdigkeit davon abhängt, dass er nicht nur andere überprüft, sondern auch selbst überprüfbar bleibt.
Wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk stärken will, sollte ihn nicht gegen Kritik immunisieren. Er sollte darauf bestehen, dass er besser wird.
Fazit
Eine Gesellschaft, die Menschen täglich nach Likes, Reichweite, Matches und äußerer Wirkung bewertet, darf sich nicht wundern, wenn daraus Bewegungen entstehen, die genau diese Logik radikal verinnerlichen. Das entschuldigt keine problematischen Entwicklungen innerhalb solcher Milieus oder die Verhaltensweisen bestimmter Akteure. Aber es erklärt zumindest teilweise ihre Entstehung. Genau darin sollte die Aufgabe guter Reportagen liegen: Nicht nur zu bewerten, sondern zu verstehen. Nicht nur Symptome zu beschreiben, sondern Ursachen offenzulegen. Nicht nur moralische Distanz zu demonstrieren, sondern gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Wer lediglich nach den spektakulärsten Beispielen sucht, um eine bereits feststehende These zu bestätigen, betreibt keine Aufklärung. Er betreibt Framing.
Am Ende des Tages ist die Erkenntnis, dass Looksmaxxing problematisch ist, nicht besonders überraschend. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie helfen wir jungen Männern, aus solchen Milieus wieder herauszukommen oder gar nicht erst in solche Denkweisen hineinzurutschen? Was braucht ein junger Mensch, damit er seinen Selbstwert nicht von Kieferwinkel, Körperfettanteil, Tinder-Matches oder Instagram-Likes abhängig macht?
Wenn ein junger Mann überzeugt ist, nur dann etwas wert zu sein, wenn er einem bestimmten Schönheitsideal entspricht, dann steht er allein deshalb nicht dem Nationalsozialismus nahe. Dann hat die eigentliche Krise bereits viel früher begonnen.
