Es gibt Orte, die man nicht einfach besucht. Man speichert sie ab. Als Geruch. Als Licht. Als Temperatur auf der Haut. Als Geräusch von Wasser zwischen Steinen. Als Schluck Espresso in einem zeitleeren Raum. Als Erinnerung an einen Sommer, der sich noch nicht wie ein Produkt anfühlte.
Vrsar war für mich so ein Ort. Ein kleines istrisches Fischerdorf an der kroatischen Küste. Verschlafen, freundlich und unspektakulär im besten Sinne. Die Natur ringsum war ungefiltert, der Beton trotzte Salz, Sonne und Meer, die Menschen lebten ihr Leben. Ein Ort, der 2001 noch nicht versuchte, etwas darzustellen. Er war einfach da.
Mehr als zwanzig Jahre später kam ich zurück.
Und erkannte ihn kaum wieder.
Als Kroatien noch nicht verkauft war
Im Jahr 2001 war ich das erste Mal in Vrsar. Damals war ich frischer Besitzer eines Führerscheins, und es sollte meine erste große Fahrt werden. Kroatien hatte für mich etwas Unentdecktes, in meiner Vorstellung beinahe Mystisches. Natürlich war das Land auch damals kein leerer Fleck auf der touristischen Landkarte. Aber es fühlte sich anders an.
Es war noch echter Individualtourismus, der einen in kleine Familienkonobas, einfache Appartements und felsige Buchten führte. Kein Optimierungszwang, jeden Quadratmeter Küste in Stellplätze, Liegen, Bars, Souvenirstände oder Ferienanlagen zu verwandeln. Die Straßen waren teils noch schlecht ausgebaut, versprachen Gefahr und Abenteuer zugleich. Navigiert wurde mittels Straßenschildern, Landkarten, dem Befragen von Einheimischen und einer ordentlichen Portion Gottvertrauen. Smartphones und Navigationssysteme waren zu dieser Zeit noch ferne Zukunftsmusik. Dafür klopfte der Motor des alten Audi 100 manchmal verdächtig laut, weil man an der kleinen Tankstelle im Ort offenbar großzügig am Oktan gespart hatte.
Vrsar selbst wirkte wie ein verschlafenes Fischerdorf. Kein Ort, der laut um Aufmerksamkeit bettelte. Alles war weit davon entfernt, auf Social Media inszeniert zu werden. Der Moment durfte noch Augenblick sein, ohne sofort digital konserviert, geteilt und verwertet zu werden. Man ging durch enge Gassen, sah Fischerboote, roch Pinien, Salz, Grillfisch und warme Steine, auf denen sich Eidechsen sonnten. Man fand versteckte Badestellen, ohne vorher Eintrittslogik, Parkplatzsystem oder Resortgrenze studieren zu müssen. Die Begegnungen waren echt. »Willkommen in Kroatien«, sagte ein Einheimischer zu mir, während wir uns die Hand gaben. Ein Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Welten, getragen von einer Herzlichkeit, die nicht einstudiert wirkte.
Die Natur war nicht Kulisse. Sie war Teil des Ortes. Und die Gastfreundschaft war kein Servicekonzept, sondern selbstverständlich. Man hatte das Gefühl, in einem Land zu sein, in dem die Wunden des Krieges langsam zu heilen begonnen hatten und das noch nicht vollständig begriffen hatte, wie begehrt es bald sein würde.
Vielleicht lag genau darin der Zauber.
Die Rückkehr nach Vrsar
2023 kam ich zurück.
Es war noch derselbe Ort. Und doch war er es nicht mehr.
Natürlich standen die alten Häuser noch da. Der Hafen lag noch in der Sonne. Das Meer war noch immer wunderschön. Aber etwas hatte sich verschoben. Um hinzugelangen, fuhr ich nicht mehr über eine staubige Landstraße im Nirgendwo, sondern durch Siedlungen und Ferienzonen, in denen luxuriöse Appartements wie Burgen aufragten.
Was früher beiläufig wirkte, war nun vermarktet. Wo einst Ruhe war, drängte sich Betrieb. Die Promenade im Ort selbst war nicht mehr einfach Promenade, sondern eine Art Rummelplatz, in dem sich Lokal an Lokal reihte. Jeder Blick aufs Wasser schien eine Speisekarte, ein Preisschild, eine aufgedrängte Bootstour oder ein touristisches Versprechen mitzuliefern. »Willkommen in Kroatien« konnte man jetzt im Großformat auf Schildern lesen, während man beim Check-in an der glänzend polierten Rezeption seine Wartemarke zog.
Und dann diese Bimmelbahn.
Ein Detail, das auf den ersten Blick unbedeutend wirken mag. Aber eines, das für mich sinnbildlich wurde. Früher erschloss man sich den Ort zu Fuß, langsam, mit offenen Augen. Nun fährt eine Touristenbahn die Massen durch Vrsar, als müsse selbst ein ehemaliges Fischerdorf zur Attraktion verdichtet werden.
Das Problem ist nicht die Bahn. Das Problem ist, was sie erzählt.
Nämlich dass der Ort nicht mehr zuerst Lebensraum ist, sondern Erlebnisraum. Nicht mehr Heimat, sondern Angebot.
Wenn Buchten zu Geschäftsmodellen werden
Besonders schmerzhaft war für mich der Eindruck, dass selbst die versteckten Winkel nicht mehr frei atmen konnten. Buchten, die früher wie kleine Geheimnisse wirkten, waren plötzlich in die Logik großer Campinganlagen und touristischer Betreiber eingebunden.
Dass das nicht nur ein Gefühl ist, zeigen heute die zahlreichen großen Anlagen rund um Vrsar, die ganz selbstverständlich mit direkter Strandlage, natürlichen Stränden, Buchten, Meerblick und umfangreicher touristischer Infrastruktur werben. Aus wirtschaftlicher Sicht kann ich das verstehen. Kroatien lebt stark vom Tourismus. Ich kann auch verstehen, dass ein Land nach Krieg, Umbruch und schwierigen Jahren Wohlstand aufbauen will. Niemandem ist vorzuwerfen, dass er von seiner Lage, seiner Küste und seiner Schönheit leben möchte.
Aber irgendwann kippt etwas.
Dann wird aus Gastfreundschaft Bewirtschaftung. Aus Natur wird Ressource. Aus einem Dorf wird eine Marke. Aus einem Ort wird eine Kulisse. Und aus Sehnsucht wird Konsum.
Wenn der Aufstieg zu schnell geht
Kroatien ist in wenigen Jahrzehnten zu einem der begehrtesten Reiseziele Europas geworden. Der Erfolg ist messbar und deckt sich mit meinem persönlichen Eindruck. Als ich Vrsar 2001 zum ersten Mal besuchte, zählte Kroatien rund 7,86 Millionen Touristenankünfte und etwa 43,4 Millionen Übernachtungen. 2023 waren es bereits 20,6 Millionen Ankünfte und 108 Millionen Übernachtungen. Damit ist die Zahl der registrierten Ankünfte in gut zwanzig Jahren auf etwa das Zweieinhalbfache gestiegen – die Übernachtungen ebenso. Aus einem aufstrebenden Reiseziel wurde binnen gut zwei Jahrzehnten eine touristische Großmaschine. Kroatien wurde nicht einfach beliebter. Es wurde vervielfacht.
Dazu kamen weitere Beschleuniger. Seit dem 1. Januar 2023 ist Kroatien Teil des Euroraums; zugleich wurde der Euro offizielles Zahlungsmittel. Für Touristen aus Deutschland, Österreich, Italien oder Slowenien wurde das Reisen dadurch noch einfacher, vergleichbarer und bequemer. Damit hat sich allerdings nicht nur die Anzahl der Besucher vervielfacht, sondern gefühlt auch die Preise.
Genau darin liegt ein Teil des Problems.
Sobald ein Land vollständig in den europäischen Kurzurlaubs- und Vergleichsmodus rutscht, verliert es einen Teil seiner Fremdheit. Die Kuna war nicht nur eine Währung. Sie war auch ein psychologischer Abstand. Mit dem Euro wurde vieles einfacher, aber auch direkter vergleichbar. Preise, Erwartungen, Ansprüche, Beschwerden – alles rückte näher an den mitteleuropäischen Standard heran.
Nur dass Kroatien vielerorts längst Preise aufruft, die nicht mehr zu dem passen, was man früher einmal mit diesem Land verbunden hat.

Solche idyllischen Plätze gibt es noch. Doch inzwischen sind sie meist fester Bestandteil größerer Campinganlagen.
Der Preis des Erfolgs
Tourismus bringt Geld, Arbeitsplätze, Infrastruktur und internationale Sichtbarkeit. Für viele Familien ist er Existenzgrundlage. Das darf man nicht unterschlagen.
Aber er verändert Orte. Das ist die Kehrseite, die jeder sieht, über die aber zu selten ehrlich gesprochen wird.
Eines der bekanntesten Beispiele ist Dubrovnik, wo die Altstadt längst zum Symbol für Übertourismus geworden ist. Reuters berichtete 2024, dass dort nur noch rund 1200 Menschen in der Altstadt leben; vor dem Zerfall Jugoslawiens und dem Unabhängigkeitskrieg waren es etwa 5000. Zugleich belegten Einheimische nur noch etwa 30 Prozent der Unterkünfte in der Altstadt. Auch in Split und Dubrovnik gibt es Debatten über Ferienwohnungen, steigende Wohnkosten und Innenstädte, die sich außerhalb der Saison entleeren. Und wie fast überall auf der Welt ist auch in Kroatien der Reichtum ungleich verteilt.
Das ist das eigentliche Drama des Massentourismus: Er zerstört nicht durch Betongold allein. Er zerstört vor allem durch Verdrängung.
Die Bäcker verschwinden. Die kleinen Läden verschwinden. Die Nachbarn verschwinden. Die Kinder verschwinden. Die Orte bleiben stehen, aber das Leben zieht aus.
Zurück bleibt eine schöne Hülle, die von den Massen überrannt wird.
Vrsar als Symptom
Vrsar ist nicht Dubrovnik. Und gerade deshalb ist der Vergleich interessant. Denn an Vrsar lässt sich zeigen, dass der touristische Wandel nicht nur die berühmten Hotspots betrifft. Er frisst sich auch in die kleineren Orte hinein. In jene Orte, die früher gerade deshalb reizvoll waren, weil sie nicht laut waren.
Das Schlimme ist: Man kann die Entwicklung nicht einfach rückgängig machen. Niemand wird die Campingplätze abreißen. Niemand wird die Restaurants schließen. Niemand wird die Bimmelbahn wieder aus dem kollektiven Gedächtnis löschen. Und vielleicht wäre das auch zu einfach gedacht.
Denn Touristen sind nicht nur »die anderen«. Ich war selbst einer. 2001 genauso wie 2023. Jeder, der Sehnsuchtsorte besucht, trägt ein kleines Stück zu ihrer Veränderung bei. Der Unterschied liegt nur darin, ob man noch mit Respekt kommt – oder bereits mit Anspruch. Früher fuhr man nach Kroatien und war dankbar, dort sein zu dürfen.
Heute fahren viele hin und erwarten, dass Kroatien funktioniert. Wie ein Produkt.

Ein kurzer Moment zum Durchatmen: Selbst in Poreč findet man zu manchen Tageszeiten noch menschenleere Gassen.
Was verloren ging
Vielleicht verkläre ich die Vergangenheit. Das mag sein. Vielleicht war 2001 nicht alles so ursprünglich, wie es in meiner Erinnerung erscheint. Vielleicht war Vrsar auch damals schon auf dem Weg zu dem, was es heute ist. Erinnerungen sind keine neutralen Dokumente. Sie sind innere Landschaften, über die Jahre weichgezeichnet.
Und doch bleibt dieses Gefühl, dass damals etwas da war, was heute fehlt. Eine gewisse Unschuld. Eine Langsamkeit. Eine Nähe. Ein unaufgeregtes Nebeneinander von Natur, Menschen und Gästen. Man konnte dort sein, ohne permanent daran erinnert zu werden, dass aus jedem Moment ein Angebot gemacht werden kann.
Heute wirkt vieles professioneller, bequemer und polierter. Aber nicht unbedingt besser.
Kroatien im Massentourismus: Wenn ein Land seine Seele verkauft
Die harte Frage lautet: Was passiert mit einer Nation, die zu schnell aufsteigt?
Sie bekommt Geld. Aufmerksamkeit. Investitionen. Neue Straßen. Neue Hotels. Neue Restaurants. Neue Zielgruppen.
Aber sie verliert womöglich etwas, das sich nicht in Übernachtungszahlen, Tourismusumsätzen oder Auslastungsquoten messen lässt.
Sie verliert ihren eigenen Takt.
Ein Land, das sich zu sehr nach den Erwartungen seiner Besucher formt, läuft Gefahr, irgendwann nicht mehr sich selbst zu gehören. Dann entscheidet nicht mehr die innere Kultur über das Gesicht eines Ortes, sondern der Markt. Dann fragt man nicht mehr: Was braucht dieser Ort? Sondern: Was lässt sich hier noch verkaufen?
Das Wort »Premium-Camping« erzählt im Grunde alles. Es nimmt etwas, das einmal für Einfachheit, Freiheit und Nähe zur Natur stand, und übersetzt es in die Sprache des gehobenen Konsums. Camping, aber bitte mit Resortkomfort. Natur, aber bitte kalkulierbar. Meerblick, aber bitte gegen Aufpreis. Genau dort beginnt der Moment, in dem ein Ort nicht mehr erlebt, sondern verwertet wird.
Das ist kein rein kroatisches Problem. Man sieht es in Venedig, Barcelona, Mallorca, Sardinien und vielen anderen Orten. Aber Kroatien berührt mich anders, weil ich dort noch gespürt habe, wie es vorher war.
Oder wie ich glaube, dass es vorher war.
Kroatien ist noch immer schön
Und gerade deshalb tut es weh.
Kroatien ist nicht hässlich geworden. Im Gegenteil. Die Küste ist noch immer atemberaubend. Das Meer noch immer klar. Die alten Städte noch immer voller Geschichte. Die Menschen können noch immer herzlich sein. Die Landschaft besitzt noch immer eine Kraft, die man schwer beschreiben kann.
Aber Schönheit allein reicht nicht. Ein Ort kann schön sein und trotzdem seine Seele verlieren.
Vrsar ist für mich zu einem Symbol geworden: für den Moment, in dem ein Geheimtipp aufhört, Geheimnis zu sein. Für den Augenblick, in dem ein Land entdeckt wird – und diese Entdeckung irgendwann zur Übernahme wird.
Vielleicht ist das der tragische Widerspruch des Reisens: Wir suchen Orte, die noch echt sind. Aber indem wir sie finden, tragen wir dazu bei, dass sie es irgendwann nicht mehr sind.
Fazit
Wenn ich heute an Vrsar denke, sehe ich zwei Bilder.
Das erste stammt aus dem Jahr 2001. Ein kleines Postkartenidyll, warmes Licht, Pinien, Fischerboote, stille Buchten, kroatische Gastfreundschaft. Ein Ort, der nicht perfekt war, aber echt.
Das zweite stammt aus dem Jahr 2023. Mehr Betrieb, mehr Infrastruktur, mehr Angebote, mehr Preise, mehr Lärm, mehr »Premium-Camping«. Ein Ort, der gelernt hat, sich zu verkaufen.
Vielleicht ist das Fortschritt. Vielleicht ist es Wohlstand. Vielleicht ist es einfach der Lauf der Dinge.
Aber manchmal ist Fortschritt auch nur ein anderes Wort dafür, dass etwas leiser stirbt, als man es bemerkt. 2001 fühlte es sich nicht wie ein Abschied an. Erst viele Jahre später wurde mir klar, dass es einer gewesen war.
Wir wussten damals nicht, wie wertvoll diese Zeit war, in der wir gerade lebten.


