Man muss heute nur eine beliebige Social-Media-App öffnen, um zu wissen: KI-Katzenvideos ziehen die Massen in ihren Bann. Literatur eher nicht.
Das sagt weniger über Katzen – und mehr über die Plattformen. Denn Social Media ist kein neutraler Raum, sondern viel mehr ein eigenes Genre. Aber nicht jeder passt da hinein. Und schon gar nicht jeder Autor. Ich habe den Selbstversuch gewagt und schnell gemerkt: das ist nicht meine Welt. Meine Instagram-Seite lasse ich trotzdem stehen. Aber nicht als lautstarke Content-Fabrik, sondern als Anlaufstelle für Fans und Leser. Ich nutze Instagram nicht als Reichweitenmaschine, sondern als Schaufenster: ein paar Infos zum aktuellen Buch, gelegentliche Einblicke ins Schreiben – und Links dorthin, wo die Inhalte wirklich wohnen: auf meiner Webseite.
Das große Missverständnis: Sichtbarkeit heißt nicht Social Media
Einer der häufigsten Ratschläge an Autorinnen und Autoren lautet: „Du musst sichtbar sein.“ Was meist gemeint ist: „Du musst auf Instagram (oder TikTok) präsent sein.“
Das ist ein Denkfehler. Sichtbarkeit bedeutet nicht, sich selbst ständig zu zeigen oder sich permanent selbst zu inszenieren. Sichtbarkeit bedeutet, auffindbar zu sein, wenn jemand gezielt nach etwas sucht. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Warum Social Media sich für mich falsch anfühlt
Social Media verlangt keine tiefen Inhalte – es verlangt Performance. Und die besteht in erster Linie aus leichtverdaulichen Videoclips, schnellen Reizen und Empörung. Alles, was leise, nachhaltig oder nicht für Doomscrolling optimiert ist, geht automatisch unter. Kaum jemand will sich genauer mit etwas beschäftigen oder viel Zeit in ein bestimmtes Thema investieren. Deshalb bekommt das Reel einer jungen Frau, die sich den Schwanz ihrer Katze an den Mund hält und dazu eine Dudelsackmelodie hinterlegt, Millionen Klicks und Hundertausende von Likes. Das sieht man sich ein paar Sekunden an, scrollt zum nächsten Reel und hat es in weniger als einer Minute wieder vergessen. So funktioniert Social Media heute. Um Reichweite aufzubauen, soll man sich darüber hinaus selbst inszenieren, seine Persönlichkeit verkaufen, ständig Emotionen zuspitzen, Wiedererkennbarkeit erzeugen und regelmäßig etwas liefern, unabhängig davon, ob es gerade etwas zu sagen gibt.
Das eigentliche Werk tritt dabei in den Hintergrund. Die Person wird zum Produkt. Was für viele kein Problem zu sein scheint, fühlt sich für andere schlicht unrichtig an. Nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil es ihrem Selbstverständnis widerspricht.
Die Plattformlogik ist eindeutig – und gnadenlos
Wenn flache Katzenvideos erfolgreicher sind als Literatur, dann hat das wenig mit der Qualität von Büchern zu tun. Es liegt daran, dass diese Plattformen optimiert sind auf schnellen Reiz, minimale Aufmerksamkeitsspanne, sofortige emotionale Reaktion und Kontextfreiheit. Das ist weniger ein moralisches Urteil, als eine Feststellung. Das Problem liegt im Systemdesign selbst. Tiefe, Ambivalenz und Nachhall – all das ist dort strukturell im Nachteil.
Das ist kein Problem – wenn man es akzeptiert
Das eigentliche Problem entsteht erst, wenn man versucht, gegen die eigene Natur mitzuspielen. Wer kein Social-Media-Typ ist und es trotzdem erzwingen will, zahlt einen Preis:
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Stilistische Verwässerung
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Innere Abwehr
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Kreativer Energieverlust
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Schreiben „für Reaktionen“ statt für Sinn
Am Ende leidet das Werk. Und genau das sollte für Autorinnen und Autoren kein akzeptabler Kollateralschaden sein.
Mein Gegenmodell: Auffindbarkeit statt Aufmerksamkeit
Ich habe mich bewusst für einen anderen Weg entschieden. Statt flüchtiger Reichweite, algorithmischer Abhängigkeit und täglicher Selbstdarstellung setze ich auf:
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Blog & SEO: Inhalte, die gefunden werden, weil jemand sie sucht
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Evergreen-Texte statt 48-Stunden-Posts
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Serie statt Einzeltitel (Backlist-Effekt)
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Print & Buchhandel: Haptik, Wertigkeit und Geschenkfähigkeit
Das ist kein schneller Weg. Aber es ist ein stabiler. Und vor allem: ein Weg, den ich aushalte.
Sichtbarkeit darf leise sein
Nicht jede Bühne passt zu jedem Menschen und nicht jeder Autor muss performen. Nicht jedes Buch braucht eine Persona. Manche Werke wirken besser im Regal, im Gespräch, über Empfehlungen und über die Zeit. Sichtbarkeit muss nicht laut sein, sondern sie muss nur passend sein.
Fazit
Ich bin kein Social-Media-Typ. Und das ist kein Defizit. Ich will nicht viral gehen. Ich will mich nicht täglich selbst verkaufen. Ich will Bücher schreiben, die bleiben. Wenn das bedeutet, auf Plattformen zu verzichten, die dafür nicht gemacht sind – dann ist das keine Schwäche, sondern eine Entscheidung.
Ich optimiere nicht für Algorithmen. Ich optimiere für Leser. Und genau diese Freiheit ist es, die ich mir als Autor bewahren will.
