[ Odessa Reisebericht 2018 – Teil 5 ]
Während der nächsten Tage lassen wir uns treiben. Odessa hat mich fest im Griff; ich habe mich gut akklimatisiert, vermisse meine Heimat nicht. Unser Erlebnis hat meine Wahrnehmung geschärft und mich sensibilisiert, doch ich lasse mir den Spaß nicht nehmen. Bereits am Morgen danach hat unsere Story die Runde gemacht, jeder im Hotel weiß Bescheid. Trotzdem hat man uns vorsorglich einmal gebeten, die Rechnung für unseren Aufenthalt vorab zu begleichen. Dem gehen wir natürlich nach.
Heute regnet es, jedoch ist der Regen hier im Vergleich zu Deutschland angenehm, und auch die aus der Heimat gewohnten Temperaturstürze um mindestens 20 Grad Celsius bleiben aus. Wenn es in Odessa regnet, weiß man, dass es auch wieder aufhört – und nicht wochenlang durchschifft. Allerdings habe ich mittlerweile verstanden, warum die Einheimischen trotz schönstem Wetter teilweise mit langen Hosen und Jacken herumlaufen.

Auch in Odessa regnet es mal. Allerdings nicht lange. Schnell treibt der Wind die Wolken ins Landesinnere. Berge gibt es hier keine.
Durch die Nähe zum Meer zieht gelegentlich ein strenger Wind durch die Straßen und Gassen. In der Sonne verbrennt man zwar, im Schatten hingegen hat man schnell das Gefühl zu erfrieren. Es empfiehlt sich also, selbst bei Sonnenschein immer eine Jacke dabeizuhaben – zumindest an windigen Tagen. Ansonsten ist die Atmosphäre der Stadt mediterran angehaucht. An manchen Ecken in Odessa denkt man: Das könnte auch irgendwo in Süditalien sein. Auch dort findet man ähnlich marode Gebäude und Straßenzüge.
Nach dem deftigen Frühstück verlassen wir das Hotel für einen Rundgang. Vor dem Haupteingang stehen zwei Männer in Uniform; sie bewachen einen im Hinterhof parkenden Geldtransporter. Sie sind schwer bewaffnet: Der eine trägt eine Kalaschnikow, der andere hat eine Pumpgun auf dem Rücken.

Völlig schmerzbefreit wendet dieser Busfahrer inmitten einer Kreuzung. Es wird gehupt, geschrien, gedrängt, auf den Gehsteig ausgewichen.
Wir schlendern den Prospekt entlang und halten uns in Richtung Bahnhof, der etwa drei Kilometer entfernt liegt. Vor den besseren Hotels und Geschäften stehen immer Sicherheitsmänner, teils in militärischen Uniformen. An zahlreichen Gebäuden hängen Überwachungskameras. Kurz vor dem Bahnhof erreichen wir einen großen Markt. Umgeben von hektischem Treiben schieben wir uns durch das dichte Gedränge. Ich umgreife fest den Inhalt meiner Hosentaschen, denn an solchen Orten ist stets Vorsicht geboten. Taschendiebe gibt es auch in Odessa – auch wenn vielleicht nicht ganz so viele wie in Prag, Rom oder Barcelona.
Wir passieren einen Stand, an dem ein Mann deutsche Ausgaben von Hitlers »Mein Kampf« zum Verkauf anbietet. Antisemitische Hetzpropaganda und zugleich ein unlöschbarer Teil deutscher Geschichte. Ich würde jedenfalls keine müde Kopeke dafür ausgeben und gehe weiter.
Die Gegend um den Markt ist extrem dreckig, überall liegt Müll. Wir halten uns weiter Richtung Bahnhof und passieren einen Park. Dieser wirkt im Gegensatz dazu gepflegt und sauber; auch der obligatorische Springbrunnen darf nicht fehlen. Die Bänke sind von Menschen gesäumt, jeder wirkt beschäftigt. Das Betreten der Rasenflächen ist per Verbotsschild untersagt – wieder fühle ich mich ein wenig an die deutsche Heimat erinnert. Mitunter scheinen die Parks in Odessa einen sehr hohen Stellenwert zu genießen. Sie sind nahezu alle tadellos gepflegt, und man erkennt deutlich, dass in diese Freizeitanlagen Geld und Liebe investiert wird. Ich beobachte ein paar spielende Kinder. Auch hier zeichnet sich ein markanter Kontrast zur deutschen Heimat ab.
Die Kinder hier verhalten sich überwiegend brav und scheinen noch in der Lage zu sein, sich selbst zu beschäftigen. Man hört kaum Geschrei, und auch Konflikte scheinen meist friedlich gelöst zu werden. Ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo Kinder oft dauerhaft bespaßt werden und in der blanken Verzweiflung entnervter Eltern irgendwann das Smartphone gereicht bekommen. Natürlich ist das nur eine Momentaufnahme.
Wir verlassen den Park, passieren den Bahnhof und halten uns nun in Richtung Strand. Als wir kurz darauf ein Wohnviertel durchqueren, fühle ich mich ein wenig an die Bronx erinnert. Erneut offenbaren sich uns die Extreme dieser Stadt – die schmale Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen aufstrebendem Wachstum und allgegenwärtigem Verfall.
Entlang der Hauswände verlaufen wilde Kabelstränge; die Mühe, Internet und Telefon in der Wand zu verlegen, macht man sich hier offensichtlich nicht. Deutsche Ordnung sucht man in diesem Punkt vergeblich. Ich bewundere die gesprühte Kunst, die hier den Großteil der Mauern ziert. Sie enthält politische Botschaften, aber auch moderne Elemente aus unserer Welt scheint man hier zu kennen.
In einer Unterführung begegnen wir einer alten Frau, die Akkordeon spielt und in einer Tasche auf dem Boden Geld sammelt. Wir lassen ihr ein paar Scheine da. Ich spreche sie an und frage, ob ich ein Foto für meinen deutschen Internetblog machen dürfe. Sie erlaubt es. 82 Jahre sei sie alt und habe einen 60-jährigen Sohn, der sie kaum unterstütze, erzählt sie uns.
Deshalb sitze sie täglich hier und spiele alte russische Lieder. Für ihr hohes Alter wirkt sie sehr fidel. Diese Frau ist wirklich arm, aber sie musiziert, lässt sich den Lebensmut nicht nehmen und verzichtet darauf, aufdringlich zu betteln.
Am Treppenaufgang sitzt ein weiterer Mann in gekrümmter Haltung; er hält einen Becher in der Hand. Unschwer ist er als Obdachloser zu erkennen. Verwahrlost sieht er aus, dreckig, das Gesicht vom Leben, der Körper vom Alkohol gezeichnet. Auch ihm stecke ich etwas Geld zu. Mit leuchtenden Augen nimmt er es entgegen und erzählt mir etwas Unverständliches; ich verstehe nur »Danke« und »Bruder«. Nach unserem Ausflug kehren wir erst einmal ins Hotel zurück: etwas essen, schreiben, den Tag Revue passieren lassen, bevor wir uns erneut ins Nachtleben stürzen.
Wir sitzen im Restaurant des Hotels, als andere Gäste die schrillende Klingel auf dem Bestelltresen betätigen, weil dieser gerade nicht besetzt ist. Die Küchentür öffnet sich, und der stets mies gelaunte Hotelkoch streckt den Kopf heraus. Sein tödlicher Blick trifft die erschrockenen Gäste; sie entschuldigen sich sofort. Wortlos verschwindet er wieder in der Küche und lässt die Tür lautstark zufallen. Ich kann mir ein lautes Lachen nicht verkneifen, denn inzwischen kenne ich ihn. Er spricht selten, lacht nie und hat immer einen Blick auf, als hätte er gerade ein Blutbad im Sinn. Für einen durchschnittlichen Monatslohn von umgerechnet 150 Euro würde ich vermutlich auch nicht anders herumlaufen.
Im späteren Verlauf des Abends fällt mir eine weitere Besonderheit in Odessa auf: Man trifft kaum Betrunkene – weder in den Lokalen noch auf der Straße.
Während sich in Deutschland und ganz besonders in Österreich junge Menschen teils bis zum Kontrollverlust betrinken, gibt man sich hier im Nachtleben ungewohnt gesittet. Entweder hat man eine höhere Wertschätzung gegenüber der eigenen Gesundheit, oder es wollen sich einfach die wenigsten einen Vollrausch leisten. Vielleicht ist hier aber auch der Massenalkoholismus nicht derart gesellschaftsfähig, die Gehirne noch nicht vollends von westlicher Alkoholwerbung indoktriniert.
Gemütlich lassen wir den Abend ausklingen, und unser Kellner bringt strahlend die Rechnung. Rudi scheint ihm besonders gut zu gefallen; ich amüsiere mich köstlich. Vielleicht hätte er besser doch keinen Sex on the Beach bestellen sollen.
In Odessa wirkt das Nachtleben insgesamt erstaunlich weltoffen – auch was gleichgeschlechtliche Paare angeht. Man sieht Menschen händchenhaltend durch die Straßen laufen, und es gibt entsprechende Clubs. Wie man es von einer Großstadt mit modernen Strömungen erwartet – und wie man es im großen Bruder Russland, wo queeres öffentliches Leben zunehmend unter Druck steht, kaum noch erwarten würde.
Am nächsten Tag steht eine Bootstour an: Es geht raus aufs Schwarze Meer. Sie dauert etwa eine Stunde, und der Preis liegt bei 150 Hrywnja pro Person. Wir können das Ticket auf 250 Hrywnja für uns beide drücken.
Wie zu erwarten ist es kalt, windig und unspektakulär. Aus einem Lautsprecher dröhnt altbackene Sowjetmusik, dazwischen berichtet eine Erzählstimme auf Russisch über die Sehenswürdigkeiten Odessas. Auch geschichtliche Aspekte der Stadt werden beleuchtet; außerdem geht es um kulinarische Besonderheiten – und um Werbung für einige Lokale.
Nach der Bootstour folgt unser obligatorischer Rundgang durch die Stadt. Vor einem Polizeirevier parkt ein schwarzer SUV; das Fahrzeug ist von Kugeln durchlöchert. Auch das Verbrechen hat Tradition in Odessa, und die unterschwellige Präsenz der Mafia scheint fester Bestandteil des Flairs dieser zerrütteten und doch so wundervollen Stadt zu sein.
Ohne Zweifel ist Odessa eine Stadt mit zwei Gesichtern. Sie zieht dich in ihren Bann, küsst dein Herz, erschreckt dich, tritt dich und spuckt dich anschließend wieder aus. Du verfällst ihr und willst mehr. Das bunte Treiben auf den Straßen wirkt ruhig, die Masse gemächlich. Man genießt das Leben, scheint sich mit wenig zufriedenzugeben. Geld ist hier oft nur Mittel zum Zweck. Den ständigen Drang nach besser, schneller, höher, weiter – wie man es aus Deutschland gewöhnt ist – vermag man hier kaum zu spüren. Die Menschen tragen nicht diesen von der ewigen Jagd nach Geld und Anerkennung durchtränkten Blick. In Odessa ist man einfach Mensch, niemand versucht einem zu sagen, wie man zu sein hat, niemand will einem sein Weltbild aufzwingen.
Natürlich gibt es auch die Schattenseiten. Man erzählt uns, dass die medizinische Versorgung hier oft miserabel und teuer sei, die Löhne extrem niedrig, staatliche Sozialleistungen rar – und Korruption ein Thema, an dem man nicht vorbeikommt. Man kann eben nicht alles haben, und alles hat seinen Preis. Auffallend ist jedoch, dass kaum jemand wirklich klagt. Man scheint Missstände hinzunehmen und sich damit zu arrangieren. Deshalb geben wir den ehrlichen Menschen gerne ein gutes Trinkgeld, denn wir wissen, sie können es gut gebrauchen.
Abends, in unserer Bar sitzend, lasse ich das Straßenbild auf mich wirken. Auf dem Bürgersteig ziehen Menschentrauben vorbei: ein Rudel Straßenhunde, zwei junge Frauen auf Pferden – eines ist bemalt wie eine Giraffe. Ein dunkler Wagen hält an der Ampel, das Bassgedröhne aus seinem Inneren löst die Alarmanlage eines parkenden Autos aus. Sobald die Ampel wieder umschaltet, wird gehupt, gerast, überholt. Einfach verrückt, diese Stadt. Auch der falsche Krückenbettler und seine Kollegen sind wieder da und treiben ihr Unwesen.

Vermeintliche Behinderung als Mitleidsmultiplikator: Wenige Augenblicke später nimmt er die Krücken hoch und geht ganz normal über die Straße.
Überhaupt scheint sich der größte Teil des Nachtlebens auf der Straße abzuspielen – doch das ist mir bereits aus anderen Ländern bekannt. Auch in Odessa nimmt man die Geräuschkulisse der Nacht augenscheinlich als normale Gegebenheit hin – zumindest beklagt sich niemand offen darüber. Wehmütig denke ich an unsere bevorstehende Abreise.













