Odessa Reisebericht 2018 (Teil 2): Erste Nacht am Prospekt, Bettler, Kontraste und die Potemkinsche Treppe

[ Odessa Reisebericht 2018 – Teil 2 ]

Archivtext (2018): Dieser Beitrag dokumentiert Eindrücke aus Odessa im Jahr 2018 – als Momentaufnahme vor dem Krieg in der Ukraine (ab Februar 2022). Der Text wurde nur redaktionell (Format/Lesbarkeit) überarbeitet; Inhalt und damalige Perspektive bleiben bewusst erhalten.

Es ist unsere erste Nacht in Odessa. Der Hotelaufzug bringt uns vom vierten Stock nach unten. In der Ukraine – wie auch in Russland – ist das Erdgeschoss oft als „erster Stock“ deklariert. Unten angekommen, führt uns der Weg durch einen massiv kameraüberwachten Hinterhof direkt hinaus auf die Prachtmeile der Stadt.

Hier reihen sich Lokale und Bars aneinander, die Bürgersteige sind von Menschen gesäumt und hektisches Hupen hallt von nah und fern durch die Straßen. Stimmengewirr, Musik, der Geruch von Abgasen und die bunten Lichter der Leuchtreklamen und Straßenlaternen strömen gleichzeitig auf die Sinne ein. Wir schlendern umher und verschaffen uns einen ersten Eindruck.

Und ja: Sofort fällt mir ein Unterschied zu meiner Heimat auf – die Art, wie sich viele Menschen hier am Abend präsentieren, insbesondere Frauen. Viele wirken bewusst herausgeputzt, aber im besten Sinn: elegant, schick und ausgehfein, wie ich es von zu Hause eher zu besonderen Anlässen kenne. Das Stadtbild pulsiert, und auf dem Prospekt scheint Nacht wirklich Nachtleben zu bedeuten.

Der Stadtkern bei Nacht: stets gut belebt.

BMW X5 Stretchlimo am Prospekt

Nach einem kurzen Rundgang in der näheren Umgebung des Hotels beschließen wir, in einer Bar Platz zu nehmen. Das Ambiente wirkt gepflegt, das Personal freundlich. Wir sitzen auf einer bequemen Couch in einer Art überdachter, leicht erhöhter Terrasse, die sich auf dem Gehsteig befindet. Viele Pärchen und junge Menschen sitzen herum, an fast jedem Tisch steht eine Shisha.

Ich bestelle einen Belyy Russkiy (White Russian) für 99 Hrywnja – umgerechnet etwas mehr als drei Euro. Kurz darauf steht auch schon der erste Bettler neben uns, mit Pappbecher und Krücken. Auf Russisch bitte ich ihn höflich, weiterzugehen, und ignoriere ihn anschließend so lange, bis er von dannen zieht und die nächsten potenziellen Opfer anpeilt.

Der White Russian ist nicht schlecht. In Deutschland habe ich allerdings auch schon bessere getrunken.

Ich beobachte, wie er sich bei jedem Schritt demonstrativ auf die Krücken stützt. Ob gespielt oder echt – darüber kann ich nur mutmaßen. Auffällig ist: Im Zentrum begegnet man Bettlern sehr häufig, teils ausgesprochen aufdringlich. Im Verlauf unseres Aufenthalts führt das dazu, dass ich mir innerhalb kürzester Zeit diverse russische Varianten von »Lass mich in Ruhe« und »Geh mir aus den Augen« angewöhne – bis hin zu deutlicheren Formulierungen. Mit Freundlichkeit kommt man hier nicht immer weit; eine klare, bestimmte Ansage lässt wenig Raum für Missverständnisse und wirkt deutlich besser.

Später beobachte ich einen Mann, der Mülltonnen durchwühlt – offensichtlich auf der Suche nach Essbarem. Das ist eine andere Kategorie von Armut: leiser, unsichtbarer, schwerer auszuhalten. Ich gebe ihm etwas Geld – nicht, weil es irgendetwas löst, sondern weil Wegsehen sich in diesem Moment falsch anfühlt.

Echte Armut in Odessa

Die etwa zehn Meter entfernte Ampel schaltet wieder auf Grün und die Blechkolonne setzt sich lautstark brummend in Bewegung. Auffallend ist die hohe Anzahl an Autoposern, die mit plärrenden Kisten ihre Runden drehen und an der Ampel grundsätzlich Vollgas geben. Das kenne ich aus der Heimat – der Unterschied ist eher, dass viele dieser Autos bei uns vermutlich keine TÜV-Plakette mehr bekämen. Hier tritt man den Schrott über desolate Straßen, den man in Deutschland längst aussortiert hat.

Nach zwei Drinks lassen wir den Abend ausklingen und machen uns zurück auf den Weg ins Hotel.

Unsere Stammbar bei Tag

Die Empfangsdame hatte uns informiert, dass es unter Umständen heute kein fließendes Wasser geben könnte. Ich drehe den Wasserhahn auf und stelle erleichtert fest: Es läuft. Allerdings ist das Leitungswasser stark gechlort. Das Bett ist bequem, und durch das Fenster dringt die Lärmkulisse der Großstadt. Mit etwas mehr als einer Million Einwohnern geht Odessa locker als solche durch.

Nach einer erholsamen Nacht starten wir gut ausgeruht mit einem deftigen Frühstück. Anschließend geht es wieder raus auf Erkundungstour – diesmal unter der Sonne. Es hat angenehme zwanzig Grad und eine permanente kühle Brise drückt sich durch die Gassen. Etwa zweihundert Meter vom Hotel entfernt liegt die Potemkinsche Treppe, das wohl berühmteste Wahrzeichen Odessas. Direkt dahinter erstrecken sich der Hafen und das endlos wirkende Schwarze Meer.

Potemkinsche Treppe Odessa

Die Potemkinsche Treppe in Odessa. Der Krankenwagen steht schon bereit.

Die monumentale Treppe umfasst 192 Stufen und unser tägliches Fitnessprogramm wird in den nächsten Tagen darin bestehen, sie einmal von unten nach oben zu sprinten. Bei unserer ersten Erkundung scheint hier ein offizieller Wettbewerb stattzufinden: Ein Bär von einem Mann legt sich eine Langhantel in den Nacken und marschiert vom unteren Ende zügig die Stufen nach oben. Ich zähle die Scheiben und komme auf ein Gesamtgewicht von respektablen 100 Kilogramm. Auf halber Strecke liegt bereits sein Kontrahent auf einer Isomatte – offensichtlich zusammengebrochen – und wird von Sanitätern umsorgt. Von unten beobachten wir den Akteur, der langsam und wie ein Walross schnaufend in der Ferne verschwindet. Ich glaube, er schafft es. Und ich glaube auch, dass er oben ebenfalls kurz vor dem Kreislaufkollaps stehen wird.

Potemkinsche Treppe Odessa

Ursus auf dem Weg nach oben

Wir lassen die Potemkinsche Treppe hinter uns und treiben in Richtung Zentrum. Odessa ist eine Stadt der extremen Kontraste. Kaum an einem anderen Ort gehen Verfall und prunkvolle Baukunst so fließend ineinander über. Bittere Armut und Reichtum scheinen von Haus zu Haus zu wechseln. Eine Stadt im Wandel, die sich gerade neu zu erfinden scheint. Davon zeugen Ruinen und Baustellen, die sich über weite Teile der Stadt verteilen.

Ukrainisch ist die offizielle Landessprache, in Odessa hört man jedoch fast ausschließlich Russisch. Mir soll es recht sein, da ich des Ukrainischen ohnehin nicht mächtig bin. Im friedlichen Treiben der Stadt ist von politischer Spaltung für Außenstehende wenig zu merken – zumindest in diesen Tagen und auf diesen Straßen.

Dieses Gebäude steht zum Verkauf

Ein ukrainischer Freund hatte mir erklärt, Odessa sei anders als der Rest des Landes. Langsam beginne ich zu verstehen, was er damit meint. Die Gegensätzlichkeit trieft aus allen Poren dieser dreckigen und doch so wunderschönen Perle des Schwarzen Meeres: postsowjetischer Charme, gepaart mit westlichem Kapitalismus. International und multikulturell – und zugleich konventionell. Im Sommer subtropisch, im Winter bitterkalt.

Die Straßen wirken wie ein Drehkreuz des Ostens. Bulgarische, georgische, moldawische, polnische und litauische Kennzeichen sind hier neben den einheimischen am häufigsten vertreten. Aber auch deutscher Einfluss ist spürbar: man fährt Audi, BMW, Mercedes und trinkt deutsches Bier; an Imbissständen werden Bratwürste mit Sauerkraut angepriesen. Deutsch spricht allerdings kaum jemand, und anderen deutschen Touristen begegnen wir nicht. In Gastronomie und Hotellerie scheint sich Englisch langsam als akzeptierte Fremdsprache durchzusetzen – was meinem Begleiter zugutekommt.

Deutliche Kontraste

Deutsche Einflüsse in Odessa

Beim Schlendern durch die Stadt kommt man kaum hundert Meter weit, ohne angesprochen zu werden: Bettler, Menschen, die einen in Casinos locken wollen, Anbieter von Bootstouren, Führungen in die Katakomben – und ja, auch Prostituierte, die teilweise sehr jung wirken. Da käufliche Liebe weder Wunsch noch Ziel dieser Reise ist, halte ich die Frauen verbal auf Abstand – wenn auch freundlicher als gegenüber den distanzlosen Bettlern. Sie tun mir leid, denn so sollte niemand seinen Lebensunterhalt verdienen müssen. Ich hingegen werde so schneller zum Meister des Abwimmelns, als es mir lieb ist.

Einer der Krückenbettler scheint uns regelrecht zu verfolgen und stöbert uns an verschiedensten Orten zu unterschiedlichsten Zeiten auf. Bei unserer vierten Begegnung erlaube ich mir einen Spaß, begrüße ihn überschwänglich und erkundige mich nach seinem Befinden. In schwer verständlichem Russisch erklärt er mir, wie arm und krank er sei und wie schlecht es ihm ginge. Er müsse hungern, ums Überleben kämpfen, habe eine Familie zu ernähren, könne sich nicht einmal richtige Schuhe leisten. Mein Blick schweift auf seine Wampe und ich krame 50 Kopeken aus dem Geldbeutel – aufgerundet etwa zwei Cent.

Der Verfall ist allgegenwärtig

Natürlich ist ihm das zu wenig. Er lamentiert weiter und lässt die Münze demonstrativ auf den Boden fallen. Ich bücke mich nicht und lasse ihn zurück. Von diesem Tag an spricht er mich nicht mehr an.

Trotzdem entwickelt man mit der Zeit einen Reflex, der einen unweigerlich zusammenzucken lässt, sobald jemand mit seltsamer Gangart oder einem Kaffeebecher auf einen zukommt. Es passiert uns öfter, dass wir unbescholtene Bürger des Bettelns verdächtigen, obwohl sie einfach nur einen Coffee-to-go tragen oder tatsächlich eine Behinderung haben.

Zeitgenössische Kunst

Als der Magen knurrt, setzen wir uns an einen Tisch in einem der zahlreichen Straßenlokale. Eine Katze streift um meine Beine. Auch sie gehören in großer Zahl zum Stadtbild Odessas. Sie sorgen offenbar für Ordnung: Ratten und Mäuse sieht man hier nur wenige.

Ausnahmsweise haben wir ein Restaurant erwischt, das ausgesprochen schnell serviert. Normalerweise ist das Personal in Sachen Effizienz schwer zu überbieten – im negativen Sinn: Für einen Bereich, der in Deutschland von einem Kellner bedient würde, stehen hier teilweise fünf Bedienstete, die zusammen dreimal so lange brauchen. Die Küche reicht von traditionell deftig bis leicht und modern. Fisch, Hühnchen und Gemüse dominieren die Speisekarten.

Nach dem Essen äußere ich mich lobend über den Service und fordere die Rechnung an. Diese wird in einer Mappe an den Tisch gebracht, wir legen das Geld hinein. Getrenntes Bezahlen kennt man hier nicht. Wir lassen ein gutes Trinkgeld springen – üblich sind hier etwa zehn Prozent.

Besuch beim Essen

Einige Stunden später ist die Sonne am Horizont verschwunden und das Nachtleben hält wieder Einzug. Wir sitzen in unserer zwischenzeitlichen Stammbar und beobachten die Straße. Ein nagelneuer Audi R8 mit ukrainischem Kennzeichen hält direkt vor dem Lokal und wird von einem der Parkeinweiser in die Parklücke gewiesen. Einen Augenblick später taucht mein „guter Freund“, der Krückenbettler, auf – wie aus dem Nichts. Amüsiert beobachte ich, was passiert. Der Fahrer des R8 und der Bettler beginnen eine Unterhaltung, ich sitze jedoch zu weit weg, um zu verstehen, was sie sagen. Langsam drängt sich mir der Verdacht auf, dass die beiden sich kennen. Vielleicht ist das naiv, vielleicht ist es treffend – aber es passt zu meinem Eindruck, dass vieles hier nach eigenen Regeln funktioniert.

Blick auf den Hafen

Am folgenden Tag versorgen wir uns in einem Laden mit ein paar Flaschen Morshynskaya, da sich das Leitungswasser nicht zum Genuss empfiehlt. Lebensmittel sind wesentlich günstiger als in Deutschland, Konsumgüter hingegen nicht unbedingt. Beim Bezahlen können die Scheine grundsätzlich nicht klein genug sein; ständig wird man gefragt, ob man es nicht passender hat.

Darauf folgt fast immer die Frage, ob man eine Plastiktüte (»Pakjet«) brauche – selbst wenn man nur eine Flasche Wasser kauft. Aus ökologischen Gründen lehne ich Plastiktüten jedoch meist ab.

Zu späterer Stunde dieses bewölkten Tages soll es noch spannend werden, da sich mein Begleiter via Dating-App mit einer Einheimischen verabredet hat.

Eine Stadt im Wandel: Baustellen, soweit das Auge reicht

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