Die Autorinnen-Bubble auf Social Media

Jammern, Posten, »Burnout« – und kaum ein Buch fertig

Warum die Instagram-Autorinnen-Bubble am eigenen Drama erstickt

Es gibt Ecken auf Instagram, die wirken wie Parallelwelten. Man scrollt ahnungslos durch seinen Feed – und plötzlich landet man in einem Biotop voller Schreiberinnen, die kollektiv den Untergang ausrufen: Ich gebe auf! Sinkende Verkaufszahlen! Steigender Druck! Zwang zur Selbstvermarktung! Und überhaupt: Kann man heutzutage eigentlich noch schreiben, ohne nach wenigen Wochen ins Burnout zu rutschen?

Ja. Kann man. Man muss nur aus dieser Bubble draußen bleiben.

Und bevor jetzt das Standardargument kommt: Natürlich sind nicht alle so. Es gibt Autorinnen, die posten, ohne sich im Drama zu verlieren – und die dabei sogar solide Bücher schreiben. Der Punkt ist nur: In dieser Szene ist das Muster so häufig, dass man es nicht mehr als Einzelfall abtun kann.

Ich verstehe übrigens den Reflex dahinter. Sichtbarkeit ist verlockend. Anerkennung tut gut. Und wer schreibt, zweifelt ohnehin oft genug. Social Media bietet schnelle Rückversicherung – und genau deshalb ist es so gefährlich: Es belohnt nicht das Fertigmachen, sondern das Vorzeigen.

Wenn man sich diese Jammerposts zu Gemüte führt, gewinnt man den Eindruck, Schreiben sei der gefährlichste Beruf seit der Hochseefischerei. Aber so funktioniert Social Media heute: Drama, Empörung, Zwietracht und Selbstinszenierung füttern den Algorithmus. Ganz nebenbei wird »Burnout« zum Lifestyle-Label: Wer nicht völlig »ausgebrannt« ist, hat offenbar nicht hart genug geschrieben.

Und damit meine ich nicht echte Erschöpfungszustände oder medizinisch relevante Fälle. Diese sind real und ernst. Ich beziehe mich auf die inflationäre, performative Verwendung des Begriffs als Statussymbol. Menschen, die unter einem echten Burnout leiden, werden durch diese Daueretikettierung gleich mit marginalisiert.

Die Tragik der Selbstoptimierungs-Autorin

Wo früher im stillen Kämmerlein Ideen ausgebrütet und Text zu Papier gebracht wurde, wird heute eine Community gepflegt, Feed-Ästhetik kuratiert und der »Launch-Funnel« optimiert. Manche sprechen gar davon, ein ganzes »Team« zu managen: Beta-Leserinnen, Lektorat, Sensitivity Reading und Social-Media-Manager – meist alles unbezahlte Freundinnen. Dazwischen wird der »Content für Q2« geplant, Stories vom Kaffee, der Kerze und den »Cozy Vibes« gepostet. Und am Ende des Jahres? Kein fertiges Manuskript, aber 120 Reels über den Schreibprozess.

Die Opferrolle als Geschäftsmodell der Autorinnen-Bubble

Das Schlimme ist: Die Opferrolle funktioniert auf »Bookstagram« hervorragend. Je mehr man klagt, desto mehr Herzchen erntet man. Je mehr man öffentlich leidet, desto mehr Reichweite generiert man. Je mehr man den Algorithmus anfleht, desto mehr Mitleid gibt es frei Haus. Daraus entsteht eine kreative Misserfolgs-Spirale, die wie folgt aussieht:

  • Man veröffentlicht wenig.

  • Man verkauft wenig.

  • Man jammert öffentlich darüber.

  • Man bekommt Zuspruch für das Jammern.

  • Man verwechselt Zuspruch mit Erfolg.

  • Man schreibt noch weniger.

Ein Teufelskreis, der erstaunlich bequem und scheinbar auch lukrativ ist. Anders lässt sich das rational kaum erklären.

Der Mythos des Zwangs zur Selbstvermarktung

Der beliebteste Satz lautet: »Der Druck zur Selbstvermarktung ist so hoch!« Das ist eine interessante Aussage, die man hinterfragen sollte. Denn bei näherem Hinsehen zeigt sich: Niemand zwingt diese Leute, täglich Reels zu drehen. Niemand schreibt ihnen vor, dass sie ein Branding brauchen. Niemand verlangt Pastellfarben, Flatlays oder Farbschnitte. Niemand verlangt, dass sie jedes Schreiben live dokumentieren.

Das Einzige, was wirklich zwingend wäre: ein Buch zu Ende schreiben. Aber das ist natürlich nicht instagrammable genug.

Und ja: Sichtbarkeit kann helfen. Aber Sichtbarkeit ist kein Ersatz für Substanz. Social Media ist ein Lautsprecher. Wenn man nichts eingesprochen hat, kommt auch nichts raus – egal wie laut man dreht.

KI verteufeln – aber bitte mit Filter

In dieser Bubble gehört es inzwischen fast zum guten Ton, künstliche Intelligenz grundsätzlich zu verteufeln. Die Maschinengehirne seien unethisch, würden die Kreativität zerstören und ihnen die Jobs wegnehmen. Dass diejenigen, die sie nutzen, gar nicht erst schreiben sollten, versteht sich da fast von selbst.

Bliebe da nicht ein Paradoxon: Würden die Kritikerinnen KI selbst sinnvoll und gezielt als Werkzeug einsetzen, müssten sie weniger jammern.

Denn KI könnte zum Beispiel Klappentexte vorschlagen, die man nur noch verfeinert, langweilige Routineaufgaben beschleunigen und enorm viel Zeit sparen – etwa bei Fehlersuche, Strukturierung oder typografischer Optimierung. Das Ergebnis wäre vorhersehbar: weniger Zeit für Nebenschauplätze, mehr Zeit fürs Manuskript. Aber dafür müsste man KI als Werkzeug begreifen – nicht als Feindbild, das man für Likes dramatisch bekämpft. Lieber zieht man sich den nächstbesten Instagramfilter übers Gesicht und suhlt sich weiter in der bequemen Opferrolle.

Autorinnen-Bubble

Das Problem: Schreiben wird mit Selbstdarstellung verwechselt

Solche Leute nutzen Social Media nicht als Ergänzung – sondern anstelle von Produktivität. Sie arbeiten nicht an Manuskripten, sondern an Persona-Optimierung. Anstatt Geschichten zu schreiben, produzieren sie »Content«. Sie schreiben keine Kapitel, sie schreiben »Updates«. Und wundern sich dann, warum am Ende des Jahres keine Verkäufe da sind.

Ein Gegenmodell, das nicht nach Kerze riecht

Wer Social Media nutzen will, kann das tun – ohne sich davon auffressen zu lassen. Drei simple Regeln reichen oft:

  1. Schreibzeit zuerst: Erst 500–1000 Wörter, dann posten.

  2. 80/20-Regel: 80 % Arbeit am Manuskript, 20 % Sichtbarkeit – nicht umgekehrt.

  3. Content bündeln: Ein fester Slot pro Woche statt täglicher Dauerbetrieb.

Nichts davon ist glamourös. Es liefert – gerade weil es niemand filmt.

Das Gegenstück zur Autorinnen-Bubble: die Realität

Draußen, jenseits des Instagram-Glamours, sieht das Leben vieler Autorinnen und Autoren so aus: Vollzeitjob oder Teilzeitjob. Familie, Alltag und Verpflichtungen. Und trotzdem wird geschrieben – morgens, abends oder am Wochenende. Ja, ich spreche da auch aus eigener Erfahrung.

Der Workflow ist überraschend unspektakulär: Manuskript fertig. Lektorat. Cover. Veröffentlichung. Weiterschreiben. Keine Räucherstäbchen. Keine 80-teiligen Reels über Notizbücher. Keine 3000-Wörter-Jammerposts über fehlende Verkäufe, Druck und Schuldzuweisungen. Erfolgreiches Schreiben ist erstaunlich leise. Genau deshalb funktioniert es.

Fazit zur BookTok- und Autorinnen-Bubble

Wer mehr »Schreibcontent« produziert als Seiten, hat das Schreiben längst aufgegeben. Diese Bubble lebt in einer Fantasiewelt voller künstlichem Stress, künstlicher Wichtigkeit und künstlicher Tragik. In der Zeit, in der sie jammern, könnten sie 500 Wörter schreiben, zwei Seiten überarbeiten, ein Kapitel plotten oder sogar ein Buch fertigstellen. Aber das wäre vermutlich weniger heroisch als ein 20-Slide-Karussell über ihre »Struggles«.

Wer schreiben will, braucht keine glitzernde Autorinnen-Bubble und keinen Dauer-Drama-Feed – sondern Disziplin, Ehrlichkeit und ein Manuskript, das tatsächlich existiert.

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