Der schöne Schein der Buchwelt – Warum Authentizität das neue Rebellentum ist

Nachdem ich nun doch einmal den Versuch gewagt habe, einen Instagram-Account zu betreiben, wurde ich nicht enttäuscht – im Gegenteil. Was ich auf dieser Plattform vorfinde, entspricht exakt meinen Erwartungen: der schöne Schein der Buchwelt, die perfekte, schillernde Bookstagram-Welt. Nur leider ist das Wenigste davon echt. Zeit für eine Gegenbewegung.

Pastell, Pose, Perfektion

Pastellfarbene Bücherstapel, sorgfältig arrangierte Kaffeetassen, Kerzen, Blümchen, ein bisschen Abendlicht. Dazwischen Gesichter, die man vor lauter Filter kaum noch erkennt – und die neuesten Spiegel-Bestseller, in die Kamera gehalten mit demselben Ausdruck, mit dem andere Menschen Smoothies bewerben.

Ich mag Bücher. Aber ich mag keine Pose. Damit konnte ich nie viel anfangen. Stattdessen mag ich Geschichten, die atmen, Figuren, die Fehler machen dürfen, und Autoren, die auch mal zweifeln.

Der schöne Schein der Buchwelt

Der schöne Schein der Buchwelt: generisch, gekünstelt, austauschbar.

Natürlich spricht nichts gegen Ästhetik. Aber wenn das Lesen zunehmend aussieht wie ein Lifestyle-Accessoire, dann geht es nicht mehr um Literatur und Inhalte. Dann geht es um Selbstinszenierung – um Likes, Kooperationen und den Algorithmus.

Ich will keine Duftkerze neben meinem Buch und auch keine akkurat drapierte Lesebrille. Ich wünsche mir Leserinnen und Leser, die nachdenken, lachen und sich selbst hinterfragen. Ich will Texte, die etwas auslösen – und sei es Widerspruch oder Empörung. Mir ist lieber, jemand liest mein Buch, als dass jemand es „ästhetisch“ findet.

Schreiben ist für mich kein Lifestyle, sondern Handwerk. Es ist Stille, Zweifel, manchmal Frust – und genau daraus entsteht etwas Echtes. Literatur braucht keine Filter. Sie braucht Mut.

Der blinde Fleck

Interessanterweise ist diese ganze Buch-Influencer-Welt fast ausschließlich weiblich geprägt. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beobachtung. Die glänzende Oberfläche von Instagram & Co. funktioniert nach den Gesetzen der Ästhetik, nicht nach der Logik des Erzählens. Männer, die schreiben, inszenieren sich selten – und wer sich nicht inszeniert, findet dort kaum statt. Das ist genau das Kernproblem solcher Plattformen: Instagram bevorzugt Gesichter, Emotionen, weiche Farbpaletten. Alles, was zurückhaltend, nüchtern oder einfach nur echt ist, läuft gegen den Strom des Algorithmus.

Manchmal findet man auch männliche Stimmen in dieser Szene – aber die meisten davon folgen demselben Prinzip: Anpassung statt Haltung. Man biedert sich dem Zeitgeist an, redet so, wie man gerade reden soll, schreibt, was erwartet wird. Das ist ihr gutes Recht. Aber ich halte nichts davon, Literatur in politische Lager zu sortieren oder sie auf Schlagworte zu reduzieren. Geschichten dürfen mehr sein als Haltungstexte. Sie dürfen Fragen stellen, ohne sofort Antworten liefern zu müssen. Genau das macht sie lebendig.

Über Sprache und Eitelkeit

Ein weiteres Symptom dieser Oberflächenkultur ist die Sprache selbst. Ich halte wenig von Schreibweisen, die Texte aussehen lassen wie mathematische Formeln. Sprache lebt vom Fluss, nicht von Doppelpunkten und Gendersternchen. Wenn man unbedingt beide Geschlechter nennen will, kann man Autorinnen und Autoren schreiben. Aber die meisten sparen sich das – aus Bequemlichkeit oder, schlimmer noch, aus Prinzip. Ich schreibe für Leserinnen und Leser, nicht für Regelkommissionen. Und wer in meinen Büchern nach Ideologie sucht, wird enttäuscht sein.

Vielleicht ist das altmodisch.

Vielleicht ist es aber auch einfach ehrlich.

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