[ Odessa 2018: Die Rückkehr – Teil 1 ]
Anreise mit dem Rollstuhl
Eigentlich hatte ich dieses Jahr nicht mehr vor, noch einmal nach Odessa zu reisen. Doch Rufus (Name geändert), Rudis Bruder, wollte sich auch einmal die sagenumwobene Stadt am Schwarzen Meer ansehen. Also insistierte er auf meine Begleitung, und ich ließ mich letztlich breitschlagen. Man sollte der Ordnung halber erwähnen, dass Rufus krankheitsbedingt und dauerhaft an den Rollstuhl gefesselt ist. Ohne ortskundige und tatkräftige Begleitung wäre dies demnach, gelinde gesagt, ein schwieriges Unterfangen. So organisiert Rufus die Flüge und kümmert sich um den am Flughafen notwendigen Rollstuhl-Begleitservice. Da er die ukrainische Fluglinie nicht für vertrauenswürdig hält, wird über Austrian Airlines gebucht – entgegen meiner Empfehlung.
Der Flug geht diesmal also nicht über Kiew, sondern über Wien. Zumindest in puncto Hotel folgt er meiner Anregung und bucht schließlich ein Zimmer im Ekaterina II, das ich den Erfahrungen meiner ersten Reise entsprechend – aufgrund des ebenerdigen Eingangs, des vorhandenen Aufzugs und der brauchbaren Englischkenntnisse des Personals – für geeignet halte. Ich selbst komme in einem Appartement unter, das Rudi, der bereits vorausgeflogen ist, gemietet hat. Anstatt günstigem Hotel-Luxus ist diesmal noch billigere Selbstversorgung angesagt.
Nach einer von Verspätungen durchzogenen Bahnreise und einer unbequemen Nacht in einer flughafennahen Absteige geht es frühmorgens mit dem Taxi zum Airport München, Terminal II. Auf dem Weg dorthin offenbart mir der bosnische Taxifahrer, voller Stolz seine Russischkenntnisse, nachdem er erfahren hat, dass wir nach Odessa wollen. Auch darüber, dass man in der Ukraine ficken könne wie ein Weltmeister, klärt er mich sofort ungefragt auf. Schweigend nickend nehme ich diesen Erguss an erleuchtender Weisheit zur Kenntnis. Es ist noch viel zu früh, als dass ich besonders gesprächig wäre oder mit dieser Art von Information etwas anzufangen wüsste. Kurze Zeit später stehe ich mit Rufus im Flughafengebäude – genauer gesagt am Check-in-Schalter für Menschen mit eingeschränkter Mobilität.
Check-in und Sicherheitskontrolle
Eine junge Dame stellt uns freundlich die Bordkarten aus, checkt Rufus’ Reisetasche ein und deklariert den Rollstuhl als Sondergepäck. Ich hingegen reise, wie meist, nur mit Handgepäck. Danach geht es ohne besondere Vorkommnisse durch das Prozedere der Sicherheitskontrolle. Flüssigkeiten im Handgepäck führe ich grundsätzlich nicht mit, da ich mir das absurde Brimborium, das inzwischen darum gemacht wird, gern erspare. Nein danke. Da kaufe ich das, was ich brauche, lieber am Zielort.
Das Boarding-Drama
Am entsprechenden Gate angelangt, warten wir auf das Boarding, und eine Informationstafel setzt uns sogleich darüber in Kenntnis, dass das erwartete Flugzeug mit 20 Minuten Verspätung landen wird. Angesichts unseres knappen Anschlussfluges in Wien macht sich schon jetzt allgemeine Begeisterung breit. Während ich mein überteuertes Flughafen-Frühstück in Form einer Breze zu mir nehme, taucht ein Mann vom Rollstuhl-Begleitservice auf. Mit markantem österreichischem Dialekt fragt er Rufus, ob er denn laufen könne. Mit dem ihm eigenen Zynismus lässt dieser den Mann wissen, dass er nur zum Spaß im Rollstuhl sitze. Als dann endlich klar ist, dass man den behinderten Passagier vor dem Einstieg in das Flugzeug auf einen speziellen, schmal gebauten Rollstuhl umsetzen muss, um ihn zu seinem Platz zu geleiten, gerät die Kompetenz des Helfers endgültig an seine Grenzen.
Er informiert uns, dass er jemand anderen schicken werde, und verschwindet so schnell, wie er gekommen ist. In der Zwischenzeit ist der verspätete Flieger nun endlich gelandet und spuckt kurz darauf Massen von Menschen aus. Es fasziniert mich jedes Mal aufs Neue, wie viele Leute in so eine Sardinenbüchse passen. Auf unserer Seite hat sich vor dem Schalter schnell eine lange Schlange gebildet, und nachdem das Flugzeug im Schnellgang betankt und gereinigt wurde, beginnen die anderen Passagiere hektisch mit dem Boarding. Normalerweise ist der Rollstuhlfahrer der Erste, der einsteigt, und der Letzte, der aussteigt. Das scheint heute nicht zu klappen.
Immerhin haben sich mittlerweile zwei andere Männer vom Begleitservice eingefunden. Wir bilden schließlich das Schlusslicht, Rufus wird umgesetzt und sein Rollstuhl im Gepäckraum verstaut.
Zu allem Übel hat man uns auch noch in der vorletzten anstatt in einer der vorderen Reihen platziert, was nun noch zu einer zusätzlichen Verzögerung führt. Als der Vogel schließlich abhebt, kann ich es kaum glauben. Gute 45 Minuten später landen wir verspätet am Airport Wien, und man informiert uns nach einigem Hin und Her, dass unser Anschlussflug bereits ohne uns abgehoben hat. Natürlich haben wir Verständnis, da der Flughafen einer Weltmetropole wie Odessa absolut pünktlich angeflogen werden muss. Die zehn Minuten Wartezeit wären wahrlich zu viel verlangt gewesen – zumal wir nicht die einzigen Passagiere dieses Fluges sind, die nach Odessa wollen.
Nachdem alle anderen Fluggäste endlich ausgestiegen sind, wird ein Tribünenwagen herangefahren, damit auch Rufus den Flieger verlassen kann.
Verspätung mit Folgen
Man verweist uns im Anschluss an den Service-Point der Austrian Airlines. Um diesen zu erreichen, müssen wir erst einmal durch die Passkontrolle und offiziell einreisen. Ein überflüssiges Prozedere, da wir EU-Bürger sind, die von einem Flughafen innerhalb der EU gestartet sind. Nach unserer Pseudo-Einreise dürfen wir endlich zum Service-Schalter und eine Nummer ziehen. Die Gesichter einer Gruppe von Ukrainerinnen, die vor uns am Schalter stehen, verheißen nichts Gutes. Als wir schließlich an der Reihe sind und unsere Situation erklärt haben, schlägt uns der österreichische Mitarbeiter zwei, laut eigener Aussage, »äußerst bescheidene Alternativen« vor, während er sich vollends in seinem lethargischen Zustand ergeht.
Der erste Vorschlag – ein Ausweichflug über Istanbul mit elfstündiger Verzögerung – wird von Rufus dankend abgelehnt. Nach Istanbul wolle er auf gar keinen Fall, und ich schließe mich ihm an. Bliebe nur noch ein Direktflug, mit satten 13 Stunden Zeitverlust. Auf Rufus’ Frage hin, was denn die Airline für solche Fälle vorsehe, drückt uns der Mann mit müdem Gesichtsausdruck pflichtschuldig mehrere Essensgutscheine in die Hand. Rufus lamentiert sachlich und konstatiert, dass er sich derart billig nicht abspeisen lasse. Nach einigem Gezeter will uns der Service-Mann erst eine Fahrt in die Stadt andrehen, dann stellt er uns einen Aufenthalt in der Lounge in Aussicht. Da wir einen zusätzlichen Stressfaktor – verbunden mit etwaigen weiteren Unwägbarkeiten – nicht riskieren wollen, entscheiden wir uns für Letzteres.
Das Gepäck-Drama
Erst müssen wir allerdings zum Gepäckband, um Rufus’ Reisetasche zu holen, die einige wichtige Medikamente enthält, die er aufgrund der Verzögerung nun gezwungenermaßen hier am Flughafen einnehmen muss. Laut Aussage des Service-Mannes könnten wir die Tasche an Band 1 in Empfang nehmen. Nachdem alles geklärt ist, werden wir von einem Mitarbeiter der Special Assistance hinausbegleitet – abermals zur Passkontrolle. Jetzt reisen wir wieder aus der Republik Österreich aus, obwohl wir gar nicht ausreisen. Schließlich am Gepäckband angelangt, warten wir auf die Tasche; vergebens. Hunderte von Gepäckstücken wälzen sich über das Band – mit Ausnahme dessen von Rufus. Auch der Mann des Begleitservice ist ratlos und verweist uns zum Lost-and-Found-Schalter, wo der Verbleib des Hab und Guts geklärt werden solle.
Ein freundlicher Sachbearbeiter mit entspannter Miene und wilden Dreadlocks nimmt sich dort unserer an. Er informiert uns darüber, dass das Gepäck entgegen unseres Wunsches bereits auf den Ausweichflug umgebucht worden sei. Ich erkläre ihm die Dringlichkeit der Angelegenheit, da Rufus seine Medikamente in etwa zwei bis drei Stunden benötigen wird. Der Mitarbeiter will nun veranlassen, dass die Tasche geholt und auf Band 1 ausgeworfen wird. Dort warten wir etwa eine halbe Stunde, während gefühlt mehrere tausend Menschen an uns vorübereilen – wieder vergebens. Also zurück zum Schalter. Das ganze Spiel wiederholt sich noch einmal, bis wir schließlich die Auskunft erhalten, dass die Tasche unauffindbar sei. Allerdings beruhigt man uns dahingehend, dass sie keinesfalls bereits auf dem Weg nach Odessa sein könne.
Es würde nun jemand speziell zur Ermittlung des Verbleibs des Gepäckstücks abgestellt. Genervt und mit knurrendem Magen beschließen wir, erst einmal unsere Essensgutscheine einzulösen. Ich hinterlasse meine Handynummer und wir machen uns auf den Weg. In einem der überteuerten Restaurants außerhalb des Flughafenbereichs, die auf dem Gutschein vermerkt sind, nehmen wir Platz. Schnell stellen wir fest, dass ein Guthaben von 12 € pro Person und Mahlzeit lächerlich gering ist. Der Einheitspreis eines Wiener Schnitzels am Flughafen Wien beträgt immerhin stolze 19,95 € (Stand 2018); die restliche Auswahl ist nicht nennenswert günstiger. Sich wie eine blutsaugende Zecke an notleidenden Reisenden zu mästen, scheint an Flughäfen ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell mit Tradition zu sein.
Noch mehr Kontrollen
Die Portionsgrößen stehen allerdings kaum im Verhältnis zu den vorherrschenden Wucherpreisen. Wie ein ausgewachsener Mann von einer solchen Kinderportion satt werden soll, erschließt sich mir an diesem Tag nicht. Nachdem wir halbwegs erträglich gespeist haben, informiert mich der Lost-and-Found-Mitarbeiter telefonisch darüber, dass die Tasche nun endlich aufgetaucht sei. Nach einigem weiteren Sicherheits-Firlefanz gelangen wir durch die Hintertür des Lost-and-Found-Schalters zurück in den Flughafenbereich. Dort erklärt uns der Mitarbeiter, dass die Tasche mit einer falschen Nummer versehen worden sei. Erleichterung macht sich breit. Wie gut, dass sich nun endlich alles aufgeklärt hat. Eine Mitarbeiterin der Special Assistance soll uns nun in die Lounge der Austrian Airlines geleiten.
Ich gewinne den Eindruck, dass diese Frau die erste kompetente Person ist, der wir an diesem Tag begegnen. Die Lounge befindet sich im Sicherheitsbereich des Flughafens – also müssen wir erst einmal wieder durch die Sicherheitskontrolle. Rufus’ Tasche läuft nun als Handgepäck, und sogleich wird von einer findigen Sicherheits-Mitarbeiterin eine fast leere und hochgefährliche Tube Zahnpasta ausfindig gemacht, gefolgt von einer noch gefährlicheren Tube Sonnencreme. Beides landet im Müll – ein Sinnbild für hirnlose Bürokratie im Endstadium. An Flughäfen herrscht eine bemerkenswerte Humorlosigkeit, und selbst die fragwürdigsten Regelungen werden konsequent mit stoischem Stumpfsinn abgearbeitet. Im Anschluss folgt – wer hätte das gedacht – abermals die Passkontrolle.
Als wir unsere Pässe vom Kontrolleur zurückerhalten haben und die Kontrollstelle passieren wollen, schreit mich der zweite Sicherheitsbeamte mit den Worten »Hey, halt, Passkontrolle!« an. Sein Kollege redet beruhigend auf ihn ein und erklärt ihm, dass er unsere Pässe soeben kontrolliert habe. Wir dürfen passieren. Hier weiß offensichtlich die linke Hand nicht, was die rechte tut – selbst wenn sie direkt nebeneinander sitzen. Bis auf wenige Ausnahmen scheint der gesamte Airport an diesem Tag von einem Haufen kompetenzloser Kasper mit Geltungsdrang besetzt zu sein. Endlich in der Lounge angelangt, bahnt sich gleich das nächste Theater an: Die diensthabende Empfangsdame will uns nicht passieren lassen, bevor sie uns nicht 35 € pro Person abgeknöpft hat.
Etwas Erholung zwischendurch
Ich kläre sie über die Situation auf und stelle klar, dass wir für den Fehler der Airline nicht einen müden Cent bezahlen werden. Nachdem Rufus ihr schließlich androht, sich andernfalls bei ihr zuhause auszuruhen, sucht sie das Gespräch mit ihrer Supervisorin; kurz darauf dürfen wir nun doch eintreten, ohne zu bezahlen. In der Lounge lässt es sich gut aushalten, und etwas Entspannung stellt sich ein. Wir gönnen uns ein Nickerchen, bevor es noch mal raus zum Abendessen geht.
Während wir speisen, wird ein Passagier mit russischem Namen ausgerufen, der in einem Restaurant offenbar seine Reisetasche vergessen hat. Kurz nach dem zweiten Aufruf erfahren wir, dass aufgrund der herrenlosen Tasche nun gleich ein ganzes Terminal gesperrt wurde. Ein Flughafen ist ein Ort, an dem ständig und überall das absolute Böse vermutet wird. Aber Vorschrift ist Vorschrift, und wir sind froh darüber, von der Sperre nicht betroffen zu sein.
Einige Stunden des Zeitvertreibs später besteigen wir planmäßig als Erste die slowenische Ersatzmaschine von Adria Airways. Wenige Minuten nach uns betreten die anderen Fluggäste die Maschine, einige davon bereits die Alkoholfahne schwenkend. Die Menge besteht überwiegend aus Ukrainern, die wohl ebenfalls gezwungen waren, die Zeit am Flughafen totzuschlagen.
Ankunft in Odessa
Der Flug verläuft ohne weitere Zwischenfälle, und ich werde erst von der Durchsage des Piloten, dass nun der Zielflughafen angesteuert werde, geweckt. Als die Maschine gelandet ist, reiht sich die Meute lautstark auf, kramt ihr Handgepäck zusammen und marschiert schließlich nach draußen. Wir warten geduldig, denn wir werden das Schlusslicht bilden. Eine der Stewardessen findet auf einem Sitz eine halb volle Flasche Whiskey vor und trägt sie dem ausgemachten Übeltäter hinterher. Dieser kontert sie in derbem, osteuropäischen Akzent auf Englisch ab: »No, it’s a gift for you.«
Nachdem sich die Maschine geleert hat, erspäht Rufus durch das Fenster den anrückenden Tribünenwagen – dieser scheint allerdings leichte Probleme mit der Höhe des Flugzeugs zu haben. Nach einigen planlos wirkenden Rangieraktionen klappt es schließlich doch.
Ein alter, dünner Mann mit eingefallenen Wangenknochen und unvollständigem Gebiss kommt in die Kabine gestürmt. Er trägt einen blauen Overall und fragt Rufus auf Russisch lautstark, ob er laufen könne. Nachdem ich die ratlosen Blicke der wartenden Flugzeugbesatzung zur Kenntnis genommen habe, kläre ich den Mann darüber auf, dass Rufus keinesfalls laufen könne. Er verschwindet wieder, und kurz darauf kommt er mit dem schmalen Flugzeug-Rollstuhl angerückt. Ich fasse unser Gepäck, und es geht nach draußen in den Tribünenwagen, wo Rufus wieder auf seinen eigenen Rollstuhl umsteigt. Mühevoll rangiert sich das Vehikel vom Flugzeug weg, während der Alte wild gestikulierend in der halb geöffneten Schiebetür steht und in einer Mischung aus Befehlen und ukrainisch-russischen Flüchen nach draußen schreit.
Der Tribünenwagen hat die besten Tage hinter sich, und wir vermuten, am Steuer sitzt der Praktikant des Flughafens. Knarrend, schaukelnd und vibrierend bewegt sich das Gefährt in abenteuerlicher Weise unter dem Pfeifen des Windes über das Rollfeld. Unser Helfer versucht erneut erfolglos, die Tür zu schließen, und es macht den Eindruck, als würde sie eher aus den Angeln kippen, als zu gehorchen. Letztlich bleibt er in der Tür stehen, hält sie fest und fragt den Fahrer kurz darauf schreiend, ob er noch normal sei. Nach einem weiteren Schwall aus einem breiten Repertoire an Schimpftiraden erreichen wir das Flughafengebäude.
Ich kann es kaum glauben: Wir sind in Odessa. Mit Rollstuhl.



