[ Odessa Reisebericht 2018 – Teil 6 ]
Es ist Samstag und unser letzter Tag in Odessa. Morgen früh geht der Flieger zurück nach Deutschland. Die Straßen sind gesäumt von Menschenmassen – mehr als sonst. Heute scheint ein besonderer Tag zu sein. In diversen Straßen sind Stände aufgebaut; es wirkt wie eine Mischung aus Flohmarkt und Straßenfest. Auch die Straßenmusiker sind zahlreicher vertreten als sonst. Neben Akkordeon wird Geige gespielt, gelegentlich auch Saxophon. Gitarren hingegen scheinen hier kaum vertreten zu sein. Auf dem Weg zurück zum Hotel spricht mich ein Clown auf Französisch an. Ich komme nicht umhin, ein paar französische Worte mit ihm zu wechseln. Schließlich wechselt das Gespräch auf Englisch, das er erstaunlich gut beherrscht. Mit hartem russischem Akzent fragt er mich, wo ich herkomme, und warnt mich vor Taschendieben. Er outet sich als Weltenbummler – in Deutschland war er auch schon.
Nach einem überaus sympathischen Small Talk bitte ich ihn um ein Foto, dem er wohlwollend zustimmt. Am Abend folgt die herzliche Verabschiedung von den Menschen, die uns im Laufe unseres Aufenthalts ans Herz gewachsen sind. Auch sie sind traurig, als sie erfahren, dass wir morgen nach Deutschland zurückkehren müssen.
Am nächsten Morgen geht es mit dem Taxi sehr früh zum Flughafen von Odessa. Dieser ist nicht besonders groß, weshalb es von Deutschland aus auch kaum Direktflüge gibt. Nach der Sicherheitskontrolle geht es in den Wartebereich. Dort treffen wir auf Jeffrey, einen texanischen Sunnyboy. Er ist durchtrainiert, braun gebrannt, hat lange Haare, trägt Flip-Flops – und sein Englisch ist so gar nicht texanisch, sondern stattdessen gut verständlich. Er beschwert sich über das Personal der Sicherheitskontrolle, das er als »friendly like a punch in the face« bezeichnet.

Es gibt also doch Gitarren. Eine Rockband tritt vor dem Rathaus auf. Gefeiert werden die »europäischen Tage Odessas«.
Wir kommen ins Gespräch. Auch Jeffrey hat einige Tage in Odessa verbracht, ist jedoch von der Mentalität und den Frauen nicht besonders angetan. Er erzählt uns, dass er in Thailand lebt, dort einen Rollerverleih betreibt und leidenschaftlicher Taucher ist. Er lebt mit zwei Frauen zusammen, da er sich nicht für eine entscheiden könne. Das scheint dort auch überhaupt kein Problem zu sein. Ich erzähle ihm von unseren Erlebnissen in Odessa und sorge bei ihm und seinen Begleitern für Erstaunen und amüsierte Blicke.
Dank unserer angeregten Unterhaltung mit dem amerikanischen Lebenskünstler vergeht die Wartezeit schnell, und so sitzen wir kurz darauf in der Maschine, die uns nach Kiew bringt. Als wir in Kiew aussteigen, regnet es, die Temperaturen sind kühl und auf dem Rollfeld bläst ein unangenehmer Wind. Ich muss an Jeffrey mit seinen Flip-Flops denken, doch dieser scheint hart im Nehmen zu sein.
Nachdem wir die Kontaktdaten mit Jeffrey ausgetauscht haben, nehmen wir im Wartebereich für das Boarding unseres Anschlussflugs nach München Platz. Ab hier vernehmen wir das erste Mal wieder deutsche Stimmen. Gemeinsam mit uns wartet eine Delegation eines international bekannten Motorradclubs, die wohl ein größeres Clubtreffen in Kiew hatten. Bullige Männer in Lederkutten und stark tätowierte Hünen stehen im Sicherheitsbereich herum. Die Typen sehen auf den ersten Blick gefährlich aus und sind es wahrscheinlich auch, erweisen sich jedoch als lockere Zeitgenossen. Ich vermute allerdings, dass hier niemand versucht hat, diese Jungs in irgendeinem Nachtclub abzuziehen. Andernfalls hätte dieser Club wohl für längere Zeit geschlossen.
Beim Einstieg in das Flugzeug spricht mich eine ältere Ukrainerin wegen meines T-Shirts an, das ich in einem Souvenir-Shop in Odessa erworben habe. Sie stellt fest, dass die Aufschrift im typischen odessitischen Slang verfasst sei. Das kann ich allerdings weder bestätigen noch dementieren, da ich diese Feinheiten noch nicht ganz raus habe.
Knapp zweieinhalb Stunden später landet unser Flieger in München. Es regnet zwar nicht, ist jedoch bewölkt und windig. Als wir am Flughafen auf die S-Bahn warten, besorgt Rudi zwei belegte Brezen, und wir stellen fest, dass man hier in Deutschland zur Begrüßung auch erst mal so richtig dreist abgezockt wird. Im weiteren Verlauf merke ich, dass ich wohl einige Zeit brauchen werde, um mich hier wieder zu akklimatisieren. Ich habe nicht das Gefühl, während meiner knapp zweiwöchigen Abwesenheit etwas verpasst zu haben. Böse Zungen behaupten, wir könnten froh sein, nun endlich wieder in einem sicheren Land zu sein, in dem der Rechtsstaat noch funktioniert.

Unverschämte Preise am Airport München: Was man beim Bäcker für 2 € bekommt, kostet hier das Dreifache.
Als ich den Bahnhof verlasse und mit meiner Reisetasche durch meinen Wohnort marschiere, überkommt mich das Gefühl, in einer Geisterstadt gelandet zu sein. Es ist totenstill, und ich treffe keinen einzigen Menschen – ein seltsames Gefühl. Nach knapp zwei Kilometern erreiche ich meine Wohnung, sperre die Tür auf und freue mich auf eine Dusche mit ungechlortem Wasser. Auch das eigene Bett ist nach der anstrengenden Reise verlockend; ich kann ihm kaum widerstehen. Etwas Schlaf kann sicher nicht schaden, bevor mich Alltag und deutsche Ordnung wieder einholen. Zum Glück ist morgen ein Feiertag.



